Kinderbücher können unheimlich faszinierend sein. Komplett ohne verschnörkelte Sprache und Gedanken präsentieren sie ihre Weisheiten für das Leben klar und simpel. Für Kinder sind solche Geschichten oft bloß Unterhaltung, Erwachsenen zeigen sie aber, wie unnötig kompliziert wir unser eigenes Leben oft führen. Eins dieser Bücher ist “Pu der Bär” von A.A. Milne.

Wäre doch eine einzigartige Idee, einen Artikel über die Philosophie und Weisheit von Winnie-dem-Pu und seinen Freunden aus dem Hundert-Morgen-Wald zu schreiben, oder? 5 Minuten Internetrecherche im Vorfeld hätten mir offenbart, dass die Idee gar nicht mal so einzigartig war, wie ich in meiner naiven Euphorie dachte. Als mir auffiel, dass sogar schon Buzzfeed genau die gleiche Idee hatte, war ich kurz davor den Artikel enttäuscht hinter mir zu lassen.

Als ich genervt die vielen Artikel las, fiel mir auf, dass sie sich meist auf Zitate oder kurze Dialoge beschränkten. Ich bin mir nicht sicher, ob die Verfasser zu faul waren die Bücher zu lesen, oder ob es im Zeitalter von Social Media einfach nicht mehr über Zitate hinausgeht. Wie auch immer, diese Fetzen einer Geschichte kratzen immer nur an der Oberfläche, die wahre Schönheit findet sich aber unter ihr:

1. Ich weiß, dass ich nichts weiß

Christopher Robin bezeichnet Pu gern als “dummen alten Bären” und auch Pu selbst bezeichnet sich öfters als “Bär von geringem Verstand”. Doch Pus Eingeständnis ist keine naive Demut, sondern vielmehr Ausdruck seiner größten Stärke.

“Ich weiß, dass ich nichts weiß”, ist nicht nur das berühmteste Sokrates-Zitat, es ist ein Lebensgefühl. In einer Welt die so komplex ist wie die unsere, können wir niemals alle wahren Zusammenhänge komplett erkennen und verstehen. Über die Zeit entwickeln wir aber dennoch eine arrogante Geisteshaltung und beginnen unser Wissen und unsere Überzeugungen für unumstößlich richtig zu halten. Ein Schirm aus Ignoranz verdeckt unsere Sicht auf die Wahrheit und nur wer sich selbst und seine Welt ständig hinterfragt, schafft es dem Ideal, eines weisen Menschen ein Stück näher zu kommen.

2. Wir fürchten, was uns fremd ist

Pu und die Tiere des Hundert-Morgen-Waldes sind putzige Wesen, tragen aber alle den Keim eines hässlichen Charakters in sich. Als Känga zusammen mit ihrem Kind Ruh plötzlich auftaucht, planen Kaninchen, Ferkel und Pu die Beiden zu vertreiben. Der Plan ist Ruh zu entführen, um Känga anschließend dazu zu bringen, den Wald wieder zu verlassen. Der Plan ist nicht ganz ausgereift, aber what the fuck?

A.A. Milne ging mit seinen Charakteren da hin, wo es weh tut. Er zeigt, dass in allen Wesen das Potential schlummert Schlechtes zu tun, selbst wenn sie eigentlich liebenswürdig sind. Unsere schlechten Taten wachsen nie aus purer Bosheit, vielmehr sind sie ein Produkt innerer Ängste. Wir fürchten was uns fremd ist und deshalb greifen wir es an. Als die Entführung gelang und Kaninchen Ruh näher kennenlernte, fiel seine Angst vor dem Unbekannten ab und beide wurden Freunde. Die Geschichte klingt kitschig, trifft den Nagel aber präzise auf den Kopf.

3. Kommunikation ist schwierig

Auf ihrer Expedition zum “Nordpohl” führt Christopher Robin die Tier an. An einer gefährlichen Stelle warnt er die in einer Reihe laufende Gefolgschaft mit einem beherzten “Psst!”. Jedes Glied der Kette gibt die Nachricht an das Tier hinter ihm und so wandert das “Psst!” von Anfang bis Ende. Das letzte Tier in der Reihe ist das Kaninchen Alexander Käfer. Da er niemanden hinter sich hat, glaubt er, dass das “Psst!” direkt an ihn gerichtet war und vor lauter Schreck verbuddelt er sich für zwei Tage, um danach zu seiner Tante zu fliehen.

Wir alle benutzen die gleichen Vokabeln und Grammatik, trotzdem sprechen wie niemals die gleiche Sprache. Gesprochene Wörter und Sätze wandern immer erst durch unsere mentalen Filter, bevor sie von uns interpretiert in unserem Gehirn ankommen. Unsere Erfahrungen, Erlebnisse und Emotionen verzerren das, was andere Menschen zu uns sagen. Oft hören wir genau das, was wir befürchten zu hören, weil unsere Filter darauf geschärft sind besonders Achtsam gegenüber dem zu sein, wovor wir Angst haben. Eine Person, die befürchtet ständig herumkommandiert zu werden, hört in neutralen Sätzen viel eher Befehle heraus. Dies macht Kommunikation so unheimlich schwierig und ist der Nährboden für Missverständnisse und Konflikte.

4. Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen

Während eines anhaltenden Regens wird Ferkel durch Hochwasser in seinem Haus gefangen gehalten. Je mehr er über seine Situation nachdenkt, desto mehr wünscht er sich, jemand anderes zu sein. In seiner Vorstellung könnten Andere dieser Situation mit Leichtigkeit entfliehen. Pu würde das Falsche tun, was sich am Ende aber als das Richtige herausstellen würde. Oile (Eule) hätte zwar nicht viel Verstand, wüsste aber Sachen einfach. Kaninchen hätte nie etwas aus Büchern gelernt, könnte sich aber immer einen Plan ausdenken usw.

Das Leben erscheint uns oft paradox, weil es gegen unser logisches Verständnis geht. Das Problem ist aber dabei viel weniger das Leben, welches sich einfach nicht an unsere Regeln halten will, sondern unsere falschen Vorstellungen der Welt. Ferkel sieht seine Kameraden, hat aber grundlegend falsche Vorstellungen von ihren Eigenschaften.

Es sieht zum Beispiel die Dinge, die Oile weiß nicht als Ergebnis ihres Verstandes, sondern einfach als zufälliges Ergebnis, ebenso mit Pu und Kaninchen. Ein wenig Ferkel steckt in jedem von uns und so scheitern auch wir daran alle Verbindungen zu sehen. Unsere Ängste und Zweifel lassen uns glauben, dass unsere Probleme unüberwindbar wären, dabei ist alles was wir brauchen bereits in uns.

5. Das Glück und die kleinen Dinge

“When you wake up in the morning, Pooh,” said Piglet at last, “what’s the first thing you say to yourself?”

“What’s for breakfast?” said Pooh. “What do you say, Piglet?”

“I say, I wonder what’s going to happen exciting today?” said Piglet.

Pooh nodded thoughtfully. “It’s the same thing,” he said.

Pu ist genügsam, braucht nicht viel mehr für ein erfülltes Leben als seinen Honig. Seine Freizeit verbringt er mit seinen Freunden oder mit der Kreation eigener Gedichte. Sein Geheimnis ist, dass er nicht viel vom Leben verlangt und dankbar für das ist, was es ihm gibt. Das Glück liegt nicht unbedingt in den kleinen Dingen, das Glück liegt vielmehr darin, in kleinen Dingen das Glück zu sehen.

6. Wir haben Angst vor uns selbst

Obwohl Pu nie etwas anderes isst als Honig oder Kondensmilch, beschließt er eines Tages im Winter jagen zu gehen. Ferkel schließt sich ihm an und beide stoßen nach kurzer Zeit auf Fußspuren. Sie glauben einem “Wuschel” auf der Spur zu sein. Als sie der Spur folgen, entdecken sie plötzlich, dass aus einem Wuschel wohl ein Wuschel und ein Wischel (Kein Scheiß) geworden sind, da sich plötzlich eine zweite Spur zur ersten hinzugesellt hat. Je weiter sie gehen, desto mehr Spuren werden es, bis es Ferkel mit der Angst zu tun bekommt. Erst Christopher Robin kann diesen nervenaufreibenden Thriller auflösen. Auf einem Baum konnte er beobachten, wie Pu und Ferkel beide im Kreis gelaufen sind und ihren eigenen Spuren im Schnee verfolgt haben. Bei jeder Umrundung kamen so neue Spuren hinzu.

Vielleicht interpretiere ich in dieses Kapitel zu viel hinein, doch die amüsante Geschichte gab mir einen interessanten Denkanstoß. Wenn wir ängstlich an die Zukunft denken, weil wir nicht wissen, was uns erwartet, wovor haben wir dann eigentlich Angst? Vor dem was tatsächlich vor uns liegt, oder vor unserem Unvermögen sich dem zu stellen? Pu und Ferkel hatten beide Angst vor den Tieren, die die Spuren hinterließen, eigentlich waren diese Tiere aber sie selbst. Ich glaube, dass auch wir Angst vor uns selbst haben, wenn uns der Blick in die Zukunft Unbehagen bereitet. Das Gute daran: Das was uns passiert, können wir immer nur bis zu einem kleinen Grad beeinflussen. Die Person die wir sein werden, jedoch um einiges mehr.

7. Der Fluss sagt “Es eilt nicht. Eines Tages kommen wir an.“

Im Hundert-Morgen-Wald wird ein Fluss beschrieben, der langsam vor sich hinfließt. Er ist schon älter als die jungen Bäche die aus seiner Quelle entspringen. Er sieht keinen Sinn zu hetzen, denn: “Es eilt nicht. Eines Tages kommen wir an.”

Wenn du deinen Fixpunkt im Leben gefunden hast, gibt es keinen Grund ihn so schnell wie möglich zu erreichen. Die Schönheit des Lebens liegt in der Reise, nicht in dem Moment, wo du wieder Zuhause angekommen bist und deine Koffer auspackst.

8. Das Leben ist ein Geben und Nehmen

I-Ah beschwert sich in seiner Ecke des Waldes, dass er selten Besuch bekomme. Kaninchen erklärt ihm, dass sein Problem nicht ist, dass ihn zu wenig Tiere ihn besuchen, sondern er zu selten andere Tiere besucht.

Unser Leben und jede Beziehung funktioniert nur durch eine Abfolge von Geben und Nehmen. Das kann manchmal schwer zu schlucken sein, vor allem wenn wir glauben, dass wir schon mehr als genug gegeben haben. Doch wie Pu der Bär eingesehen hat, dass er nichts wirklich weiß, solltest du dich immer hinterfragen, ob du denn wirklich schon zu viel gegeben hast.

9. Unsere Kindheit liegt hinter uns

Die Bewohner  des Hundert-Morgen-Waldes sind Teil von Christopher Robins lebhafter Fantasie und Spiegelbild seiner eigenen Persönlichkeit. Über die Geschichte hinweg wird er eingeschult und realisiert am Ende des Buches, wie sein Leben sich plötzlich verändert. Seiner Fantasie wird Einhalt geboten, um Platz für Wissen zu schaffen. Christopher Robin wird erwachsen, was bedeutet, dass Pu und seine Freunde ihn verlassen werden.

Fantasie existiert da, wo uns genaues Wissen fehlt. Doch um weiter zu wachsen, müssen wir lernen und neue Dinge erfahren, mit der traurigen Konsequenz, dass unsere Fantasie und Kindheit Stück für Stück weichen muss. Christopher Robin spürt, dass er seine Entwicklung nicht aufhalten kann, dennoch beschließt er an einem kleinen Teil seiner Kindheit festzuhalten. Dieser Teil ist ein magischer Ort im Hundert-Morgen-Wald, an welchem er und Pu sich auf den letzten Seiten des Buches das Versprechen geben, einander nie zu vergessen. Es ist ein Moment des Abschieds, doch genau an diesem Moment, wird Christopher Robin für immer Kind bleiben und Pu der Bär wird immer da sein, falls er ihn suchen sollte. Ich habe kein bisschen geweint.

A.A. Milne mit Christopher Robin & Pu dem Bären

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