Mein kreativer Schaffensprozess ist eine Katastrophe. Zwischen kurzen Phasen des Schreibens starre ich oftmals apathisch aus dem Fenster, in die leuchtende Leere meines Displays oder reibe mir die Augen bis alles zu weißem Licht wird. Wäre diese Qual nicht Strafe genug, ist mein aktuelles Vorhaben, einen vernünftigen Artikel über „Liebe und geliebt werden“ zu schreiben. Natürlich soll er den Leser unterhalten, ohne Kitsch auskommen und am Ende eine einfache Antwort auf die Frage „Muss man sich Liebe verdienen?“ liefern. Oh man.

Die Art und Weise wie ich mich gerade durch die Einleitung geschummelt habe zählt locker zu den 5 schlausten Dingen die ich 2017 getan habe, jedoch bezweifle ich, dass ich diesen Geniestreich über 1.300 Wörter bis ans Ende dieses Artikels strecken kann. Scheiße. Wieso ist es eigentlich so ekelhaft schwer über Liebe zu schreiben?

Je mehr ich meine Augen reibe, desto klarer erscheint mir die Antwort. Die Anderen sind Schuld. Sie tragen Namen wie William Shakespeares, Taylor Swift oder Erika James. Ihre Werke über die Liebe zählen nicht nur zu den Klassikern der Literatur („Romeo und Julia“), sondern auch zu den Spitzenreiter der Bestseller-Listen („50 Shades of Grey“). Liebe sells, doch diese Werke haben die Liebe im besten Fall zu absolutem Kitsch verkommen lassen, im schlimmsten Fall zu einer irrationalen Geisteskrankheit transformiert. Kein Wunder, dass sich kaum jemand nüchtern und ernsthaft mit Liebe auseinandersetzt, wenn wir unser ganzes Leben mit so einem verzerrten Bild bombardiert werden.

Dabei ist es verdammt wichtig über Liebe zu sprechen. Für uns Menschen ist es ein essenzielles Bedürfnis, jedoch hoch komplex und unsere Welt macht keinen guten Job uns dieses Phänomen gut zu erklären. Ich wünschte, ich hätte all die Antworten auf die Fragen die aus der Liebe herauswachsen. Leider fehlen mir hier locker noch 30 Jahre Lebenserfahrung, doch schaue ich auf das letzte Jahrzehnt zurück, dann habe ich festgestellt, dass mich nicht die fehlenden Antworten plagen, sondern die geglaubten Lügen über die Liebe.

Die Lüge der Liebe

Wir alle glauben an eine oder mehrere Lügen, über uns oder die Welt um uns herum. Der Grund hierfür liegt oft in einem vergangenen Ereignis, welches uns in unsere Gegenwart verfolgt hat (sog. „Geist“). Anders gesprochen, erschüttert ein Trauma unsere Sicht auf die Dinge in einer Dimension, dass unser komplettes Weltbild verzerrt wird. Eine Lüge, welche ich lange Zeit geglaubt habe und für unumstößlich hielt, war: „Ich bin nicht gut genug, um geliebt zu werden“.

Welcher Geist mich hier verfolgte, ist heute schwer zu sagen. Die Theorie lautet, dass ich doch mehr unter der Scheidung meiner Eltern litt, als ich jemals bereit war zuzugeben. Doof gelaufen, aber die Ursache ist eher ein Nebenkriegsschauplatz in dieser Artikel, viel schlimmer ist, dass meine Lüge auch viele andere Menschen glauben.

Das Gefühl ungeliebt zu sein, erlebt jeder Mensch irgendwann in seinem Leben. Egal ob im romantischen, familiären oder freundschaftlichen Kontext, es kommt immer zu einem Punkt, wo die Liebe mehr oder weniger lang ausbleibt. Das ist scheiße und hierunter zu leiden, liegt in unserer menschlichen Natur. Aus dieser Natur wird erst dann ein Problem, wenn sich dieses Gefühl in unser Unterbewusstsein frisst und dort anfängt vor sich hin zu rotten. Ehe wir uns versehen, wird aus einer schmerzhaften (und notwendigen) Situation über die Jahre hinweg ein problematisches Gedankenmuster und schlussendlich ein destruktiver Glaube. Die Liebe bleibt aus und so beginnen wir zu glauben, dass wir sie nie verdient hätten.

Zu glauben, dass Liebe etwas sei, das man sich verdienen müsse, ist problematisch. Im gleichen Atemzug jedoch noch zu schlussfolgern, dass einem selbst irgendetwas fehlen würde und man so auch nicht erwarten müsste geliebt zu werden, ist der Super-Gau für unseren Seelenfrieden.

Wie passiert es aber, dass sich aus einem negativen Erlebnis solch ein Gedankenmuster entwickelt? Die Antwort ist ebenso erschreckend wie sie simpel ist: Wir verwechseln Liebe mit Zuneigung.

Liebe ist ein ehrenvolles Konstrukt in unserem Zusammenleben auf dieser Welt, Zuneigung hingegen ist lediglich ein schneller Kick fürs eigene Ego. Niemand von uns ist Buddha oder Diogenes aus der Tonne und so wäre es vermessen Menschen dafür zu verurteilen, dass sie sich nicht nur nach Liebe, sondern gewissermaßen auch nach Zuneigung sehnen. Oftmals vergessen wir aber, dass Zuneigung nicht das Ziel, sondern lediglich nur ein netter Nebeneffekt davon ist, wenn man Liebe erfährt und schenkt. Schlimmer noch, wir glauben sogar, dass Liebe eigentlich Zuneigung sei.

Wir Menschen mögen es gern einfach. Wird es dann komplex und grenzwertig spirituell wie bei der Liebe, dann begegnen wir der ganzen Geschichte eher mit Skepsis. Da stürzen wir uns lieber wie Meth-Junkies auf unseren schnellen Kick. Ego gut, alles gut. Wie wir an unseren Stoff (die Zuneigung) kommen, das lernen wir recht schnell in der Schule, durch Instagram und Gangster Rap-Videos. Sei cool, sei attraktiv, sei witzig, schmeiß mit Geld und du wirst deine scheiß Zuneigung bekommen. Easy Game, solange du nicht zu den 90% der Menschheit gehörst, die nicht so ganz in dieses Ideal passen.

Wenn die Zuneigung ausbleibt, dann schmerzt unser Ego. Wir können sehr gut mit Schmerzen umgehen, unser Ego hingegen ist ein dreckiges Biest, was es ganz und gar nicht mag, wenn es nicht das bekommt, was es will. Konfrontiert mit Rückschlägen, beißt es unserem Bewusstsein in den Nacken. Es will seine Bestätigung, seine Zuneigung — wie, ist dabei vollkommen egal.
Von der Außenwelt werden wir konstant mit Medienmüll überhäuft, der zeigt, dass Zuneigung gleich Liebe wäre. Von unserer Innenwelt sehen wir uns mit einem keifenden Ego konfrontiert. Wissen wären in diesem Fall die beste Waffe der Verteidigung — sowohl gegen unser Inneres, als auch gegen das Äußere, doch niemand redet mit uns über die Liebe. Niemand scheint eine Ahnung davon zu haben, niemand kann es uns beibringen. Der Druck wird größer und irgendwann fängt unsere Seele an zu brechen. Dort wo Risse entstehen, ist plötzlich Platz für unsere Lügen.

Die Wahrheit der Liebe

Karten auf den Tisch. Ich habe höchstens eine vage Ahnung davon, was Liebe wirklich bedeutet. Als ich 16 war, da glaubte ich, dass es Liebe sei, wenn man beliebt sei. Als ich 22 war, da glaubte ich, dass es Liebe sei, wenn man begehrt wird. Als ich 26 war lernte ich, dass ich die vergangenen 10 Jahre das größte Arschloch gewesen bin und lediglich nach dem nächsten Ego-Kick gesucht habe. Alles unter dem Deckmantel, dass ich ja nur auf der Suche nach Liebe sei.

10 Jahre Dummheit hinterlassen jede Menge gebrochene Herzen, Wut und Tränen. Jedoch hielten sie neben dem ganzen Schmerz auch etwas Weisheit für mich bereit. So hatte ich das Glück lernen zu dürfen, dass dass Liebe ein grundlegender Bestandteil unseres menschlichen Geistes ist und wir unabhängig von unserem Aussehen, unseren Gedanken und unserem Leben geliebt werden. Liebe ist ein universelles Gefühl der Verbundenheit, welches weiter reicht als die kitschigen Grenzen von romantischen Komödien. Wir lieben und werden geliebt, weil wir sind. Nicht weil wir etwas sind.

Liebe ist keine Zuneigung und kann nicht verdient werden, denn sie ist uns von Natur aus gegeben. Spinnt man das weiter, dann ist auch klar, dass sie nicht nicht verdient werden kann.

Dies alles klingt sehr nach „Heilen mit Kräutern und Kristallen“-Bullshit. Für die meisten Menschen da draußen bedeutet Liebe, dass sie regelmäßig vögeln und ich erzähle hier von der menschlichen Seele und universeller Verbundenheit. Mir ist die Diskrepanz durchaus bewusst. Jedoch bin ich schon mehr als einmal an diesen Fragen und Antworten zerbrochen und meine Lektionen habe ich (und leider auch Andere) teuer bezahlt. Wenn ihr mir nicht glauben wollt, dann glaubt ihr vielleicht einem Mann, der weitaus mehr Durchblick hat als wir alle zusammen:

One is loved because one is loved. No reason is needed for loving
Paulo Coelho, The Alchemist

Wir müssen anfangen uns auf die Suche nach Liebe zu begeben. Wir müssen beginnen zu lernen, was Liebe wirklich bedeutet und wir müssen lernen unser verdammtes Ego in das Loch zurückzudrängen, wo es herumgekrochen kam. Nur so können wir es schaffen die Phasen zu überstehen, in welchem die Liebe in unserem Leben ausbleibt. Nur wenn wir unsere Lügen und Geister hinter uns lassen und beginnen die Wahrheit zu sehen, können wir unsere dunklen Stunden durchstehen. Die Liebe mag sich dir vielleicht gerade nicht zeigen. Doch die Wahrheit ist, dass sie da draußen auf dich wartet.