Machen wir uns nichts vor.  Die wenigsten Menschen werden erwachsen. Sie werden lediglich alt, schrumpelig und wachen Mitte 40 schweißgebadet auf, um zu realisieren, dass sie nie getan haben, was sie wollten, sondern immer nur das, was man von ihnen erwartete. Sie hatten Angst, erwachsen zu werden und sind deshalb Kinder geblieben.

Wenn Menschen erkennen, dass sie die Hälfte ihres Lebens an fremde Erwartungen verschwendet haben, tun sie folgendes: Sie lassen sich scheiden, legen sich einen neuen Haarschnitt zu und vögeln jemanden, der 20 Jahre jünger ist als sie. Im besten Fall in dieser Reihenfolge, meistens genau umgekehrt.

Was all diese Menschen vereint, ist, dass sie in den kritischen Jahren der Selbstfindung verdammt schlechte Entscheidungen getroffen haben.

Statt ihre Bedürfnisse zu ergründen oder sich zu finden, haben sie sich lieber an Oberflächlichkeiten und Anderen orientiert. Sie heirateten, gründeten Familien und begannen, für ihren eigenen Netflix-Account zu zahlen, ohne zu hinterfragen, ob sie das überhaupt wollen.

Diese Dinge können dich durchaus erwachsen werden lassen. Aber nur, wenn du sie aus Überzeugung tust. Nicht, weil es Eltern, Freunde oder die Gesellschaft angemessen finden.

Ob du aus Überzeugung oder aus Erwartungen heraus handelst, entscheidet darüber, ob du erwachsen wirst, oder Kind bleibst. Das ist lediglich die Spitze des Eisbergs.Unter der Oberfläche sehen wir, dass der elementarste Unterschied zwischen einem Heranwachsenden und einem Erwachsenen ist, wie er mit der Unsicherheit des Lebens umgeht.

Der Heranwachsende wehrt sich gegen sie und versucht, Erwartungen zu entsprechen.

Der Erwachsene akzeptiert sie und handelt aus freien Stücken.

Teenager sind zum Kotzen und das ist okay

Teenager sein ist beschissen. In einen Moment bist du ein Kind ohne Sorgen, im nächsten explodieren deine Hormondrüsen und alles ist kompliziert.

In dieser Zeit verzweifeln wir an allem. Schule, Sex, ungewollten Erektionen, Menstruationsblutungen und Pickeln. Doch gegen unser eigentliches Problem hilft kein Clearasil der Welt:

Wir wissen nicht, wer wir sind.

Wir sind ein unbeschriebenes Blatt, was es unserem Verstand unmöglich macht, ein mentales Narrativ zu konstruieren. Eine Geschichte, die wir uns erzählen, um die Ereignisse der Welt zu interpretieren.

Diese Interpretationen sind wichtig, weil sie Sicherheit bedeuten. Ein bisschen wie eine selbst geschriebene Bedienungsanleitung für unser Leben.

Tu X und du wirst akzeptiert werden. Tu Z und stirb allein mit 40 Katzen.

Als Kinder brauchten wir diese Anleitung nicht. Unsere Eltern verstanden das Leben für uns. Sie gaben uns Sicherheit, Liebe, (hoffentlich) Regeln und alles war okay. Doch die Chancen flachgelegt zu werden, sinken proportional zu den Jahren, an denen wir am Rockzipfel unserer Erzeuger hängen.

Also schubste uns Mutter Natur aus dieser Situation, in der Hoffnung, dass wir irgendwann eigene Kinder haben, denen wir die Welt erklären können.

Das ist die Geburtsstunde unseres Selbstbildes. Die Vorstellung davon, wer wir sind.

Wer willst du sein?

Mit 16 kannte ich vier Zustände: Zynisch, defensiv, gereizt oder irgendwas dazwischen. Nicht unbedingt angenehm, aber zu meiner Verteidigung sei gesagt: Mir hat das ebenso wenig Spaß gemacht wie meiner Mutter. Ich kannte mich nicht, also musste ich eine Vorstellung von mir erschaffen. Diese war fragil, da mir die Lebenserfahrung fehlte und so alles lediglich eine Wunschvorstellung war.

Ein falsches Wort, ein kritischer Blick und ich spürte diese wanken. Was blieb mir anderes übrig als zum kotzen zu sein?

Wir erschaffen unser Selbstbild anhand unserer Erfahrungen. Als Kinder beobachten wir die Welt, unsere Eltern, ihre Beziehungen und ziehen Rückschlüsse über unser eigenes Leben. Werden wir mit Zurückweisungen und Krisen konfrontiert, beeinflusst dies, wie wir uns selbst sehen wollen. Ich war ein sensibles Kind und nach dem ersten gebrochenen Herzen, wollte ich das Gegenteil sein.

Meine Anleitung sagte mir, dass ich cool, abgeklärt und stark sein müsste, um Zuneigung und Anerkennung zu erhalten. Diese Formel nahm meinem Leben die Unsicherheit. Ich wusste was zu tun sei.

Manchmal sind unsere Selbstbilder okay, manchmal katastrophal und manchmal pures Gift.

Zum Beispiel ist es nicht schlimm, dass ich Sneaker für 180 € kaufe, um meine coole Persönlichkeit zu bestätigen. Auch nicht, dass ich mir die Hände habe tätowieren lassen, weil ich glaubte, unabhängig und unangepasst sein zu müssen. Schlimm ist jedoch, dass ich mich emotional verschloss, weil mein Selbstbild mir sagte, dass mich so niemand verletzen kann.

Die ersten beiden Dinge waren lediglich teuer und haben meine Chancen auf einen vernünftigen Job halbiert. Aber damit kann ich leben. Womit ich nicht leben konnte, war der Mensch, der ich früher sein wollte. Ich verriet die Person, die ich war, indem ich zu einem emotional abgestumpften Motherfucker, der seine Tinder-Errungenschaften mit dem Nachnamen „Z“ im Handy einspeicherte, um sie von normalen Kontakten unterscheiden zu können.

Mein Selbstbild war ein Ausdruck meiner Angst vor der Unsicherheit des Lebens. Das machte mich zu einem unausstehlichen Wichser.

Alles ist vergänglich

Als Kinder und Teenager brauchen wir Sicherheit. Durch sie bleiben wir bei Verstand und entwickeln eine gesunde Beziehung zu uns und der Welt. Erst wenn wir älter werden, kommen wir an einen Punkt, an dem dieser Drang schädlich ist.

Viele glauben, dass das Leben wie eine Eismaschine funktioniert. Ein paar Knöpfe in der richtigen Reihenfolge drücken und schon können wir uns mit Eiscreme vollstopfen, bis der Gehirnfrost unseren Verstand ausknipst.

Bullshit.

Wenn du X tust, wird dir das Leben nicht immer Y geben. Manchmal wird das passieren. Manchmal wird es stattdessen aber auch wie ein 300 Km/h schneller ICE in deine Seele krachen und alles zerfetzen, was dir wertvoll ist.

Nicht weil es dich hassen würde. Vielmehr, weil es in seiner Natur liegt. Veränderung und Vergänglichkeit sind Grundbestandteile dessen, was wir als Leben bezeichnen.

Nur zwei Dinge sind sicher. Dass wir sterben werden, und dass nichts sicher ist.

Der Glaube, dass Gesundheit, Beziehung, Karriere und Träume ewig halten, ist nicht mehr als eine naive Illusion. Sie lässt und ruhig schlafen, hat aber keinen Bezug zur Realität.

Erst wenn dir diese Illusion hinter uns lassen und einsehen, dass der Kampf gegen Unsicherheit keinen Sinn hat, sind wir bereit, erwachsen zu werden. Wie Dante in Die Göttliche Komödie stehen wir dann vor dem Tor zur Hölle und lesen die nicht sonderlich motivierende Inschrift:

Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren

Erwachsenwerden ist nicht die Hölle, die Dante im Sinn hatte und trotzdem ist es qualvoll. Qualvoll, weil sich jede Faser unseres Körpers dagegen wehren wird. Erdulden wir diese Qualen aber nicht, bleiben wir Kinder und verschwenden unser Leben an die Angst.

Die Göttliche Komödie – Tor zur Hölle

Unser Kampf gegen die Angst

Wenn wir Unsicherheit nicht akzeptieren können, bleiben uns zwei Möglichkeiten. Kampf oder Flucht. Beides hat seinen Preis.

Der Preis des Kampfes ist Schwäche

Kampf gegen Unsicherheit ist der Versuch, Risiko zu minimieren, indem du alles tust, um das Leben zu verändern.

Eine Möglichkeit bietet die verstärkte Identifikation mit unserem Selbstbild.

Männer die ihre Frauen krankenhausreif prügeln, treiben dies auf eine perverse Spitze. Ihre Traumata haben ihr Selbstbild in ein groteskes Monster verwandelt, dass nun das Leben aller Beteiligten zerstört. Es flüstert ihnen, dass sie, um ihren Platz in der Welt einzunehmen, stark sein müssen. Wer stark sein will, der muss vor allem dafür sorgen, dass alle wissen, dass er stark ist. Je größer die Unsicherheit, desto stärker die Kompensation durch Aggression.

Ihre Angst vor der Unsicherheit macht sie schwach und aus dieser Schwäche wächst Grausamkeit. Sie schlagen zu, weil sie das Verhalten ihrer Frauen als Provokation verstehen. Als Angriff  auf ihr männliches Selbstbild.

Nicht alle Selbstbilder lassen uns zu gewalttätigen Arschlöchern werden und doch können auch weniger toxische Formen, verheerende Spuren im Leben hinterlassen. Aus Angst vor Verletzungen, hören wir unserem Selbstbild zu und tun dumme Dinge. Wir betrügen, stehlen, manipulieren, gehen fremd, sabotieren und vernichten.

Du glaubst dein Kampf gegen Unsicherheit macht dich unverwundbar. In Wahrheit macht sie dich nur zu einem grausamen Arsch.

Alle Grausamkeit entspringt der Schwäche – Seneca

Seneca – Schlauer Typ

Eine andere Form des Kampfes gegen das Leben und seine Unsicherheit, kann unsere Jagd nach Glück sein.

Lange Zeit ging man davon aus, dass die ersten Menschen mithilfe primitiver Waffen jagten. Neuere Erkenntnisse zeigen jedoch, dass unsere behaarten Vorfahren eine wesentlich simplere Methode entwickelten.

Sie isolierten Tiere aus Herden und trieben diese vor sich her, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen. Es war zeitaufwendig, nicht sonderlich elegant, aber es erfüllte seinen Zweck. Die Menschen wurden satt.1

Ähnlich wie unsere Vorfahren, jagen wir unserem Glück hinterher. Wir rennen ihm hinterher und hoffen, dass es irgendwann erschöpft in sich zusammenbricht, damit wir über es herfallen können. Die Ironie ist, dass meistens wir es sind, die am Ende zusammenbrechen.

Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, wie Glück aussieht. Geld, Ruhm, Liebe, Erfolg, Anerkennung, Status, Bestimmung, Erfüllung, Spiritualität, irgendwas mit Käse überbacken. Alles kann Glück sein, solange es die bestmögliche Lebensqualität bietet.

Für diese tun wir einiges.

Wir meditieren, üben Yoga, studieren, lernen, lesen, ernähren uns paleo, vegan, pescetarisch, makrobiotisch, low fat-high carb, high fat-low carb, trinken grüne Smoothies, suchen Jobs mit Sinn, finden zu Gott, kehren von Gott ab.

Diese Dinge müssen nicht falsch sein. Was falsch sein kann, ist unsere Motivation.

Tun wir diese Dinge, weil sie mit unserem Wesen übereinstimmen? Oder weil wir Angst haben, was passiert, wenn wir sie nicht tun? Wenn wir stehen bleiben und aufhören, dem Glück nachzujagen?

Wenn wir sagen, dass wir glücklich sein wollen, meinen wir meistens, dass wir nicht unglücklich sein wollen. Schmerz motiviert uns stärker als Freude, also ist unsere Jagd nach Glück oftmals nichts anderes als eine Flucht vor Angst.2

Das ist ein Unterschied. Glück kannst du erreichen, der Angst aber nie entkommen.

In unserer Vorstellung sind wir clevere Jäger. Leider nicht clever genug, um zu erkennen, dass wir in Wahrheit Gejagte sind. Wir wurden aus der Herde isoliert und werden nun von Angst getrieben, bis wir erschöpft zusammenbrechen.

Der Preis der Flucht ist Bedeutungslosigkeit

Flucht vor Unsicherheit ist der Versuch, Risiko zu minimieren, indem du dich aus dem Leben entfernen willst.

Der Klassiker ist Ablenkung.

Das Leben macht uns Angst und statt sich ihm zu stellen, verlieren wir uns in oberflächlichem Blödsinn.Wir surfen auf Facebook, spielen  Videospiele, bingen Netflix, tratschen, gehen ins Fitnessstudio, nehmen Drogen und vögeln alles, was seine Einwilligung gibt.

Auch diese Dinge müssen nicht falsch sein. Jeder braucht regelmäßig diese Form der persönlichen Auszeit vom Leben. Es ist ein Grundbedürfnis, dass wir nicht ignorieren sollten. Doch wieder die Frage, wieso wir es tun.

Weil wir eine Auszeit brauchen, oder weil wir Angst vor unserem Leben haben?

Wenn wir uns dem Leben zu lang entziehen, wird es sich irgendwann bemerkbar machen. Es ist ein bisschen wie Ausschlag am Bein zu haben. Aus Angst vor der Diagnose gehst du nicht zum Arzt. Stattdessen ziehst du eine Hose drüber und ignorierst das Jucken. Das geht zwei Monate gut und dann fällt dir das Bein ab.

Sieh, ich hab keine Ahnung was diese grenzdebile Metapher bedeuten soll. Ich weiß nicht einmal, ob dir von Ausschlag das Bein abfallen kann. Vermutlich nicht. Was ich dir versuche zu sagen ist: Geh zum Arzt wenn es juckt und kümmere dich um dein Leben. Du hast nur eins.

Eine besondere Form, sich gegen Unsicherheit zu wehren, sind Beziehungen. Sie können sowohl Flucht, als auch Kampf sein.

Einerseits kämpfen wir gegen Unsicherheit, indem wir Beziehungen suchen, die uns stark genug machen, um es mit allem aufzunehmen, was kommt.

Andererseits fliehen wir vor Unsicherheit, indem wir Beziehungen suchen, die perfekt und somit unkaputtbar sind.

Beide Ansätze haben die gleiche Konsequenz: Wir stellen absurde Ansprüche an Partner und Beziehung.

Der ideale Partner ist heute nicht nur liebevoll und dein bester Freund. Er muss dich weiterhin therapieren, erfüllen, erden, unterstützen, verzaubern, Raum geben, Berge versetzen, das Feuer entfachen, kochen, sich um den Haushalt kümmern und dir jede Nacht das Hirn aus dem Schädel ficken, bis du glaubst, dass du gestorben bist, weil sich so nur der Himmel anfühlen kann.

Je weniger unser Partner diesem Ideal entspricht, desto höher das Risiko. Das Risiko zu scheitern und verletzt zu werden. Etwas vom dem wir erwarten, dass es uns nicht passieren.

Beziehungen entweder als Mittel des Kampfes oder der Flucht zu verstehen, ist ein modernes Phänomen. Obwohl wir heute Dates vom Klo aus organisieren können (und tun) und obwohl wir bindungswillig sind, haben wir nicht nur weniger Sex, sondern leben auch seltener in Langzeitbeziehungen als die Generationen vor uns.3

Weil wir perfekte Beziehungen wollen, haben wir keine guten.

Das Geheimnis des Erwachsenwerdens

Die Alternative zum obigen Clusterfuck, heißt erwachsen werden. Einziger Nachteil: Dafür muss dein kleines verunsichertes Teenager-Herz gebrochen werden.

Wir sind dazu programmiert, Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen. Gegen sie zu kämpfen oder vor ihr zu fliehen ist unsere Werkseinstellung. Akzeptieren – die einzige Alternative – steht meistens nicht einmal zur Diskussion.

Doch sowohl Kampf als auch Flucht, lassen unser Leben regelmäßig entgleisen. Was hindert uns daran, mit ihr zu leben?

Die wenigsten wissen, was Akzeptanz bedeutet. Sie verstehen es als Kapitulation vor dem Schicksal. Als Schwäche, Resignation und Ende. Etwas, das Verlierer tun.

In Wahrheit ist Akzeptanz jedoch das genaue Gegenteil. Es ist ein Anfang.

Akzeptieren bedeutet, nicht auf jeden inneren Impuls zu reagieren. Zu entscheiden, dass es wichtigere Dinge als Angst gibt und du weder fliehen, noch kämpfen brauchst. Es ist die Erkenntnis, dass sich das Leben nie an deiner Erwartung von Sicherheit orientieren wird. Und jeder, der nicht akzeptieren wird, wird ein egozentrisches Arschloch bleiben, dass sich lieber in bedeutungslose Affären flüchtet oder Kekswichsen mit seinem Selbstbild spielt, statt seinen verfickten Scheiß auf die Reihe zu kriegen. Ernsthaft, was ist dein verdammtes Problem?

Es gibt kein Geheimrezept, wie du lernst, erwachsen zu werden. Niemand kann dir das abnehmen.Vor allem nicht ein überheblicher Blogger wie ich es bin. Meine Aufgabe ist es nur, dir zu zeigen, dass du eine Entscheidung hast. Sie zu treffen, ist deine.

Sich für Akzeptanz zu entscheiden, bedeutet alle Hoffnung fahren zu lassen. Es bedeutet aber auch, frei zu sein und nicht mit Mitte 40 schweißgebadet aufzuwachen, nur um zu realisieren, dass du dein bisheriges Leben aus Angst verschwendet hast.

Du hast nichts zu verlieren.


Alle Links zu Amazon sind Affiliate-Links. Wenn du über sie kaufst, erhalte ich eine kleine Provision, du zahlst dabei keinen Cent mehr. 

  1. Nir Eyal – Hooked
  2. Ein hervorragendes Buch, welches sich mit diesem Thema beschäftigt, ist Ending the Pursuit of Happiness – A Zen Guide von Barry Magid
  3. Ein paar Quellen: Hier, hier und hier