Hast du Liebeskummer, hörst du zum Trost immer die gleiche Scheiße:

“Kopf hoch.”

“Sie/Er wird es bereuen.”

“Du bist ein toller Fang!”

Dir wurde das Herz herausgerissen und die Welt klebt dir ein Pflaster mit Dino-Motiven auf die Wunde. Gut gemeint und nutzlos. Du blutest weiter.

Manchmal hast du jedoch Glück und triffst Menschen, die auf ausgelutschte Phrasen verzichten. Sie interessiert es nicht, was du hören willst. Sie sagen dir lieber, was du hören musst und rotzen dir den Klartext direkt ins Gesicht. Das tut weh, ist aber der einzig Trost, den es gibt.

Vor kurzem traf ich so einen Menschen. Wenige Wochen zuvor zerbrach meine Beziehung und der Schmerz war unerträglich. Mein Leben bestand nur noch aus Schuldgefühlen, Schlafmangel, Einsamkeit und der Angst, nie wieder glücklich zu werden. Ich musste mich auskotzen und eine Freundin erklärte sich bereit, mir dabei die Haare zu halten.

Als ich fertig war, sagte sie Folgendes:

“Okay, vielleicht hast du die einzig wahre Liebe deines Lebens verloren. Und vielleicht bist du sogar Schuld. Aber wenn das so ist, dann kannste nix machen. Tough Shit.“

Tough Shit.

Zwei Worte die es in sich hatten. Sie rissen mich in den Abgrund und als die Welt dunkel wurde, konnte ich endlich erkennen, dass alles, was ich über Trennungen und Liebeskummer zu wissen glaubte, Schwachsinn war.

Meine Geschichte

Wäre ich ein Superheld, wäre meine Superkraft beschissen mit Trennungen klarkommen. Nachts wäre ich in den Straßen unterwegs und würde ich auf einen Gauner stoßen, würde ich anfangen zu weinen und mich selbst zu hassen.

Klingt übertrieben?

Als mich meine erste richtige Freundin verließ, war ich Anfang 20. Die Beziehung hielt ein Jahr und nachdem sie den Stecker zog, verlor ich zum ersten Mal den Verstand. Ich träume einmal pro Woche von ihr, checkte regelmäßig ihr Facebook-Profil und fantasierte über eine Apokalypse, in der ich sie vor Plünderern retten würde und wir gemeinsam in einer Sperrmüll-Siedlung glücklich werden konnten. (Kein Scheiß).

Jeder macht diese Phase nach einer Trennung durch. Bei mir ging sie aber zwei Jahre.

Zwei. Jahre. 106 Wochen. 106 Träume von ihr.  Ich war ein Wrack.

Erlöst wurde ich aus dieser Phase von meiner zweiten Freundin, die ich mit Mitte 20 kennenlernte. Wir waren ebenfalls ein Jahr zusammen und auch sie verließ mich (woran das wohl lag). Danach krachte eine jahrelang ignorierte Depression an die Oberfläche und ich verlor zum zweiten Mal den Verstand.

Mein Körper streikte. Ich hatte beängstigende Selbstmordgedanken. Ich war ein Doppel-Wrack.

Gerettet hat mich eine Therapie und Freunde, die mir gezeigt haben, dass es okay ist, Hilfe anzunehmen.

Ich habe gelitten, geweint, gehasst, bla bla, wen kümmert’s. Ich offenbare dir diese Abgründe nicht, weil ich Mitleid will, oder glaube, dass ich welches verdient hätte. Ich war ein Vollidiot und es musste so kommen, wie es kam.

Worauf ich hinaus will, ist der Grund, wieso ich unter meinen Trennungen litt.

Mein Problem war meine Trauerbewältigung. Sie bestand aus einem einzigen Punkt und kam mir damals ziemlich genial vor. Sie lautete:

  1. Trauer nicht

Ich habe nicht getrauert. Stattdessen habe ich mir wenige Tage nach den Trennungen Dates (Plural) auf Tinder klargemacht und alles getan, um der Trauer auszuweichen. Meine Trauerbewältigung war, vor meinem Schmerz zu fliehen.

Meinem besten Freund erzählte ich, dass ich meine neue Freiheit genieße. Meiner Mutter sagte ich, dass es besser so wäre. Meine Dates sülzte ich voll, dass sie wunderschöne Augen hätten. Mir machte ich weis, dass es normal sei, eine Familienpizza und ein halbes Kilo Eis am Stück in sich hineinzustopfen.

Es war keine sonderliche Überraschung, dass alles den Bach runterging.

Heute bin ich Ende 20. Wieder einmal wurde ich verlassen. Dieses mal sollte es anders werden. Schließlich bin ich nicht mehr der Idiot von früher. Ich schreibe jetzt über Persönlichkeitsentwicklung und so.

Und doch war ich auf dem besten Weg, alte Fehler zu wiederholen. 8 Jahre älter und ich glaubte unterbewusst noch immer, dass Junk Food und One Night Stands eine angemessene Trauerbewältigung seien. Statt mich dem Schmerz zu stellen, tat ich wieder alles, um vor ihm zu fliehen.

Nichts gelernt.

Dann hörte ich die richtigen Worte zur richtigen Zeit.

Tough Shit.

Woher Schmerz kommt und wozu er gut ist

Egal wie hart du bist. Ein gebrochenes Herz ist härter.

Wenn du verlassen wirst (oder verlässt), wirst du leiden. Du wirst dich in Selbstmitleid stürzen und in deinem Elend wälzen. Das ist normal und okay. Alte Nachrichten durchzulesen und sich danach die Augen bei Dirty Dancing auszuheulen, ist nicht sonderlich klug, hat aber auch noch niemanden umgebracht.

Das Gegenteil ist der Fall.

Wenn du willst, dass es dir besser geht, muss es dir vorher immer erst schlechter gehen. Die antiken Griechen nannten das Katharsis. Die Läuterung der Seele. Dein Schmerz reinigt dich und tatsächlich sind Traumata und Trennungen ein wichtiger Bestandteil unserer persönlichen Entwicklung. Ohne sie könnten wir nicht wachsen. 

Trennungen haben aber nicht nur einen Sinn, sondern auch einen Grund.

Der simple Grund, wieso Trennungen brutal sind, ist, weil Liebe schön ist. So schön, dass wir abhängig von ihr werden, sobald wir sie spüren.  Das ist keine dahergesagter Vergleich, sondern wortwörtlich gemeint.

Sind wir verliebt oder lieben wir, sind wir in aller erster Linie Junkies. Alles ist gut, solang wir ausreichend Stoff haben. Wird er uns aber genommen, zündet in unserem Gehirn eine biochemische Rohrbombe. Unsere Sicherungen brennen durch und am Ende würden wir für einen Schuss unsere Mutter verkaufen.

Deshalb leiden innerhalb der ersten 8 Wochen nach einer Trennung, ganze 40% der Menschen an einer klinisch nachweisbaren Depression.1

Tough Shit.

Doch all dies Dinge sind Teil eines natürlichen Kreislaufes. Wir verlieben uns, wir lieben, wir trennen uns, wir leiden, wir wachsen, wir erholen uns und verlieben uns schlussendlich neu.

Theoretisch.

Praktisch kommen etliche Menschen von diesem natürlichen Weg ab oder bleiben bedenklich lang in Phasen stecken. Die Gründe dafür sind eine vielfältige Mischung aus Veranlagung, erlernter Verhaltensmuster und einer gesellschaftlichen Geisteshaltung.

Einige Menschen sind geborene Pessimisten. Ihnen fällt es schwerer, sich von Rückschlägen zu erholen. Ihnen fehlt die notwendige Hoffnung, dass es eines Tages besser werden kann, was sich oft als selbsterfüllende Prophezeiung entpuppt.

Verhaltensmuster entstehen vor allem in unserer Kindheit und frühen Jugend. Wen unsere Bezugspersonen ein ungesundes Bild von Nähe und Zuneigung vermittelt haben, kann es uns schwer fallen, mit erneutem Verlust abzuschließen. Wir klammern und schaffen es nicht, den Ex-Partner loszulassen.

Das gesellschaftliche Problem reicht noch etwas weiter. In unserem Zusammenleben gibt es wenig Raum für Schmerz, denn dieser bedeutet Schwäche. Es bedeutet, dass irgendetwas mit dir nicht stimmt. Dass du kaputt bist und im besten Fall repariert und im schlechtesten weggeschmissen werden musst.

Wir glauben, dass wir uns konstant gut fühlen müssen und suchen deshalb nach einem schnellen Ausweg. Einer Pille, die wir nehmen und die uns wieder zu einem normalen Menschen macht.

Gegen Liebeskummer gibt es zwar keine Medizin, dafür zwei altbewährte Alternativen. Ablenkung und Anerkennung.

Anerkennung holen wir uns am leichtesten durch bedeutungslosen Sex. Wir stürzen uns in oberflächlichen Sex, denn er schenkt uns die Illusion, dass wir begehrt und geliebt werden. Ein Trost, den wir zu gern annehmen, selbst wenn er nur eine Lüge ist.

Ablenkung finden wir in Form von Alkohol, Ehrgeiz, Drogen, Exzess. Wir überspielen schmerzhafte Gefühle durch extreme Erlebnisse. Dein Knöchel schmerz, brichst du dir den Arm und plötzlich verschwendest du nur noch wenige Gedanken an deinen Fuß. 

Ob Anerkennung oder Ablenkung. Selbstzerstörung ist eine Ersatzhandlung für die natürliche Verarbeitung unserer Trauer. Es ist eine Verweigerung vor den eigenen Gefühlen und Abgründen.

Was suchst du?

Wieso hast du auf diesen Artikel geklickt?

Lass mich raten:

Du wurdest verlassen (oder du hast jemanden verlassen). Du fühlst dich beschissen und jetzt bist du auf der Suche nach Ideen, die dir helfen, diesen Schmerz zu überwinden.

Verständlich. Das tue ich auch und das Internet ist voller guter Ratschläge, Artikel und Videos dazu. Aber können sie dir wirklich helfen?

Kommt drauf an.

Wenn du wie die meisten bist, dann herrscht tief in dir der Glaube, dass mit dir etwas nicht stimmt. Dass du kaputt bist und eine Pille oder einen Mechaniker brauchst, der diesen Scherbenhaufen wieder zusammensetzt.

Wenn du das glaubst, kann dir kein Artikel der Welt helfen. Er kann lediglich deine Symptome lindern, aber nie das grundliegende Problem lösen.

Schmerz und Leid

Trennungen sind Traumata und besteht immer aus zwei Komponenten. Schmerz und Leid.

Schmerz ist, was du spürst. Er ist unausweichlich, denn er ist eine Notwendigkeit des Lebens. Ein Kontrapunkt, der den guten Dingen ihre Bedeutung gibt. Der beste Lehrer und der schrecklichste Tyrann. Schmerz ist Wahrheit und deshalb treibt dich Schmerz in den Wahnsinn.

Aber egal wie stark dein Schmerz ist, er kann dich niemals töten. Schmerz sieht aus wie unser Feind, doch Schmerz ist weder gut noch böse. Schmerz ist eingebildet und doch real. Deshalb spüre ich ihn auch, als ich diese Worte in meine Tastatur hacke (und als ich diesen Satz überarbeite).

Schmerz ist. Und das unterscheidet ihn von Leid, denn Leid wird geschaffen.

Leid ist das Ergebnis von Selbstzerstörung. Wenn du ihm gegenüber stehst, ist es ein schwarzer Klumpen und doch hat es keine Form. Es kann nicht ergriffen werden, denn es ist in dir. Leid schläft nicht und Leid interessiert sich nicht für dich. 

Leid kennt weder Liebe noch Schönheit, denn alles was Leid tut, ist hassen. Vornehmlich dich, denn du bist sein Feind. Leid ist ein Bastard und voller Scheiße.

Dein Leid ist stark, weil du es fütterst. Du gibst ihm deine Zweifel, deine Furcht und deine Flucht vor deinem Schmerz. Leid ist das Ergebnis deines Unvermögens, gesund mit Schmerz umzugehen. Leid entsteht, weil du glaubst, dass verarbeiten das gleiche sei wie kämpfen. Du leidest, weil du das unkontrollierbare kontrollieren willst.

Leid ist ein geflügelter Dämon, der auf deiner Schulter hockt. Er krallt sich in deinen Hals und flüstert dir Hass ins Ohr. Sein Atem stinkt und er ist schwer. Du flehst ihn an, dass er endlich verschwinden soll.

Aber das tut er nicht.

Wieso sollte er auch? Du hast ihn in dein Leben geholt.

Wann?

Als du du deine Freunde angelogen hast, als sie dich fragten, ob alles okay sei.

Als du mit Menschen geschlafen hast, die du eigentlich zum kotzen fandest.

Und auch als du dich am vierten Tag in Folge mit Ben & Jerry’s vollgestopft hast, weil es dein Soul Food ist.

Du leidest, weil du alles tust, um deinen Schmerz nicht zu fühlen.

Das wolltest du nicht. Du wusstest es nur nicht besser. Du warst verunsichert und bist geflohen. Jeder tut das. Es ist okay. 

Doch langsam wird es an der Zeit, diese Missgestalt abzuwerfen und ihr ein Messer in die Kehle zu rammen.

Nicht mehr zu fliehen.

Jeden Tag aufs Neue.

Tough Shit

Der Schmerz deines gebrochenen Herzens lässt dir zwei Möglichkeiten. Du kannst vor ihm fliehen und beginnen zu leiden. Oder du stellst dich ihm entgegen und sagst zwei Worte:

Tough Shit.

Tough Shit bedeutet, sich dem Schmerz zu ergeben. Seine Waffen niederzulegen und zuzulassen, wie dich die Bestie bei lebendigem Leib verschlingt. In den Abgrund zu springen, ohne zu wissen, ob du dir beim Aufschlag beide Beine brechen wirst.

Tough Shit bedeutet, zu lernen, wie du dich beschissen fühlst.

Klingt wie aufgeben?

Es ist aufgeben.

Tough Shit bedeutet einen Kampf aufzugeben, der nicht gewonnen werden kann. Aufzuhören, zu kontrollieren, was nicht kontrolliert werden kann. Schmerz ist eine Notwendigkeit des Lebens und Tough Shit bedeutet genau das zu akzeptieren, um ein Leben frei von Leid zu führen.

Mein persönlicher Schmerz ist brutal. Aber ich akzeptiere ihn. Ich lade ihn in mein Haus ein. Er darf in meinem Bett schlafen. Er darf meine Bücher zerreißen und die Wände mit Scheiße beschmieren.

Aber egal was passiert.

Ich werde diesen Bastard nicht füttern.

Stattdessen werde ich aufgeben.

Komm doch und hol mich du mieses Stück Scheiße.

Ich habe keine Angst.

Tough Fucking Shit.

Die Lösung ist nicht das, was du erwartest

Akzeptanz ist schwierig, weil Akzeptanz nicht das ist, was wir wollen.

Wir wollen Rettung, Heilung, perfekte Haut, nach Pfirsich duften und  gute Gefühle. Wir wollen zufällig alte Liebesbriefe finden, ohne dabei in Fötusstellung auf dem Boden zusammenzubrechen. Nicht mehr von ihm oder ihr träumen und uns danach wünschen, niemals aufgewacht zu sein. Wir wollen, dass alles wieder gut wird.

Akzeptanz kann das nicht.

Nichts kann das.

Und deshalb ist Akzeptanz der einzige Weg.

Es gibt zwei Gedanken, die jeder nach einer Trennung hat:

  1. Er/sie war meine wahre Liebe und jetzt ist er/sie für immer weg
  2. Ich werde niemals wieder glücklich

Dies sind nicht deine Gedanken. Es sind die Gedanken deiner Angst. Deines Leids. Deines Dämons.

Sie sind irrational, unwahrscheinlich und doch nicht ausgeschlossen.

Vielleicht wird es nie wieder gut.

Wir alle fantasieren gern über das gute Leben. Eine vage Zukunftsvorstellung in der Schmerz und Tragödien fernbleiben und wir endlich die Möglichkeit haben, glücklich sein zu können. Aber so ein Leben existiert nicht.

Die Frage war nie, wie wir es schaffen, das gute Leben zu erreichen und doch ist die Welt voller Antworten dazu. Tu dies, tu das. Kündige dein Job, reise um die Welt, 7 Tipps wie du deine Trennung überwindest und 4 unglaubliche Life Hacks mit Wassermelonen.

Die vielen Antworten da draußen sind ein Ausdruck eines fundamentalen Denkfehlers. Wir glauben, Schmerz sei ein Ausdruck einer inneren „Kaputtheit“ und müsse repariert werden.

Du kannst es versuchen. Zieh los und repariere dein gebrochenes Herz. Wird es helfen, oder ist der Wille zur Reparatur nur eine andere Form der Flucht?

Diese Frage kannst nur du beantworten. Du musst für dich entscheiden, was dich Nachts ruhiger schlafen lässt. Glaubst du, dass dein Schmerz unnatürlich ist und du vor ihm fliehen musst?

Oder entscheidest du dich für die Alternative. Akzeptierst, dass sich das Leben weder um dich, noch um Gerechtigkeit kümmert?

Beide Wege sind brutal, aber nur einer lässt dich leiden.

Tough Shit.

Du hast nichts zu verlieren.


Anmerkung weil im Internet alles falsch verstanden wird:

  1. Ich habe über meine vergangenen Beziehungen geschrieben und was die Trennungen mit mir gemacht haben. Weder die Trennungen noch die Folgen waren in irgendeiner Form Schuld meiner Partnerinnen und was wollte ich zu keinem Zeitpunkt andeuten.
  2. Ich schreibe in diesem Artikel aus der Sicht eines Verlassenen. Jedoch ist der Artikel ebenso für Menschen die verlassen haben. Liebeskummer ist hart und in Trennungen gibt nie einen Guten und einen Bösen. Der Schmerz, den wir fühlen, wenn wir einen Menschen verlassen, ist ebenso real, wie der, den wir spüren, wenn wir verlassen werden.

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  1. Helen Fisher – Anatomy of Love