Erwachsen werden ist qualvoll. Job finden, Miete zahlen, Partner glücklich machen und dann auch noch täglich 2 Liter Wasser trinken. Wie sollte dir in diesem Chaos ein Kinderbuch wie „Der Kleine Prinz“ helfen können?

Ich kenne deine Zweifel. Kinderbücher lesen ist komisch. Um misstrauische Blicke zu vermeiden, scherzt du beim Kauf, dass es für deine kleine Schwester ist und beim Lesen in der U-Bahn legst du es in einen Umschlag eines respektablen Erwachsenenbuches, wie Fifty Shades of Grey. Doch Kinderbücher sind außergewöhnlich. Sie verzichten auf das Überflüssige und zeichnen die Welt stattdessen so, wie sie ist. Diese Sicht hilft dir, durch den ganzen Unsinn zu blicken und das Leben etwas besser zu verstehen.

1 Ego macht einsam

Menschen mit Herzschmerz reagieren manchmal über. Wie der kleine Prinz, der nach einem unangenehmen Streit mit seiner geliebten Rose kurzerhand den Planeten verlässt.

Auf seinem Weg durch das All, trifft er auf die „Großen“. Erwachsene, wie den König und den Eitlen, die Beide allein auf ihren winzigen Planeten leben. Für sie ist das Leben simpel. Während sie etwas sind, sind andere nicht mehr als Untertan oder Bewunderer.

Diese Sicht hat einen Grund. Alles in ihrem Leben, ihr Denken, Handeln und Hoffen, dreht sich um eine Sache. Sie selbst.

Vielleicht ist es nicht ungewöhnlich, nur an sich zu denken, wenn man allein auf einem Planeten lebt. Doch diese Art das Leben so zu verstehen, hat brutale Konsequenzen. Für Beide, den König und den Eitlen, sind Menschen niemals Menschen. Keine Wesen mit Wünschen, Hoffnungen und Träumen. Lediglich Bewunderer und Untertan, die zur Bestätigung der eigenen Wichtigkeit leben. Sie sind nicht mehr als ein Mittel zum Zweck.

Wer andere so sieht, der verliert die Verbindung zu ihnen und endet früher oder später allein auf einem kargen Felsbrocken in einem kalten Weltall.

Außerdem wird man zu einem unausstehlichen Arschloch.

2 Was uns einzigartig macht

Der kleine Prinz findet seinen Weg auf unsere Erde. Dort trifft er einen Fuchs, der eine ungewöhnliche Bitte hat. Der kleine Prinz soll ihn zähmen.

Was wie der Anfang eines Fetisch-Pornos klingt, entwickelt sich zu einem tiefsinnigen Dialog darüber, was uns Menschen einzigartig macht.

Deine Mama hat dir vermutlich gesagt, dass du etwas ganz besonderes bist. Doch sie hat gelogen. Nimm es ihr nicht übel. Was erwartest du? Hätte sie dir die Wahrheit in dein süßes pausbäckiges Gesicht schmieren sollen? Mit 7 Jahren bist du dafür noch nicht bereit.

Die Wahrheit ist, Menschen sind austauschbar.

Jeder. Einzelne. Von. Ihnen.

Du glaubst, dass dein Schmerz, deine Träume, deine Hoffnungen außergewöhnlich wären. Niemand versteht dich und niemand kann dich ergründen. Doch auf eine erschreckende Art und Weise, sind wir uns alle mehr oder weniger ähnlich.

Jetzt die gute Nachricht:

Du bist nichts Besonderes, trotzdem bist du einzigartig.

Der Fuchs erklärt es:

Ein Wesen zähmen, heißt sich vertraut mit ihm machen. Zeit zu investieren. Eine Bindung aufzubauen.

Antoine de Saint-Exupéry schreibt es deutlich. Es gibt hunderttausende Füchse, ebensoviele Menschen. Alle ähneln sich. Doch sobald zwischen zwei Wesen eine Bindung entsteht, werden sie einzigartig. Nicht in der Welt, aber füreinander.

Manche Eltern drohen ihren quengelnden Kindern, dass sie sie an den Zirkus verkaufen, wenn sie sich nicht zusammenreißen. Die wenigsten würden es wirklich tun. Wieso?

Betrachtest du ein Kind als eine Ansammlung von Eigenschaften (Haarfarbe, Temperament, Lieblings-Eis etc.), dann gibt es keinen Grund, es nicht zu tun. Glücklicherweise sind Kinder (und die meisten Menschen) mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Sie sind die Beziehungen, die sie pflegen.

Eine Beziehung lässt sich nicht ersetzen. Sie beruht auf gemeinsamen Erinnerung und geteilter Zeit. Du kannst Zeit verschwenden, aber weder gewinnen, noch kaufen oder klauen. Das ist es, was unsere Beziehungen und uns Menschen einzigartig macht.

Jeder benötigen Identität. Manche finden sie in ihrer Nationalität. Andere in ihren Berufen. Die unangenehmsten in dem, was sie besitzen. Unsere wahre Identität finden wir jedoch in der Zeit, die uns geschenkt wird.

3 Der Mensch braucht Wurzeln und ist nie zufrieden

Der Kleine Prinz spricht nicht nur mit Füchsen. Auch mit Blumen und Weichenstellern.

Von diesen erfährt er von menschlichen Problemen. Die Blume sagt, den Menschen fehlt es an Wurzeln. Der Weichensteller hingegen, dass sie nie zufrieden sind, wo sie gerade sind.

Beide Probleme sind verschiedene Seiten einer Medaille.

In jedem Menschen herrscht ein grundlegender Konflikt. Er benötigt emotionale Heimat, muss aber gleichzeitig in Bewegung bleiben.

Der Drang nach Veränderung und Bewegung ist in unseren Gene verankert. Evolution hat unseren Verstand so geformt, dass er leidet, sobald wir stagnieren. Vielleicht liegt es daran, dass Evolution einen beschissenen Sinn für Humor hat, vermutlich ist diese Denkweise aber notwendig, damit wir im sexuellen Wettbewerb mithalten können.

Richtig gelesen. Dein heutiger Schmerz stammt teilweise aus der unterbewussten Angst, dass du nicht genügend vögeln wirst. Fuck Yeah!

Über die Jahre wird aus diesem Drang Gewohnheit und hier wird es schwierig.

Wenn Bewegung zur Gewohnheit wird, rennst du an den Momenten vorbei, an denen du stehen bleiben solltest. Du bist mit Karriere, Beziehung und Privatleben unzufrieden. Nicht weil sie scheiße sind. Vielmehr weil Unzufriedenheit für dich die Ausgangssituation ist. Statt innezuhalten, reißt du deine Wurzeln aus dem Boden, brennst deinen Heimathafen ab und verlässt den Hort des Friedens. Mehr ausgelutschte Metaphern sind mir nicht eingefallen.

Die Kunst liegt nun darin, zu erkennen, wann du gehen und wann du stehen sollst. Nicht unbedingt einfach. Doch wenn du deinem Leben Aufmerksamkeit schenkst, dann wirst du irgendwann genügend Brücken verbannt haben, um zu lernen, wann etwas perfekt ist, so wie es ist.

4 Du siehst nur mit dem Herzen gut

Was meinte der Fuchs, als er zum kleinen Prinzen sagt, dass man nur mit dem Herzen gut sieht?

Es bedeutet, dass die Welt kompliziert ist. So kompliziert, dass unser Gehirn sie vereinfachen muss, damit wir überhaupt funktionieren können. Hier gehen die Probleme los.

Um effizient zu arbeiten, filtert dein Gehirn all die Sinneseindrücke nicht nur, sondern kategorisiert sie auch. Ist die Situation bekannt oder unbekannt. Lauert Gefahr? Besteht die Chance auf Sex? Kann man das essen?

Das macht unseren Verstand effizient, aber auch oberflächlich. Ein Mensch wird in Sekundenbruchteilen in eine Schublade gestopft, egal ob er passt oder nicht. Es kann gar nicht anders gehen. Würde sich unser Verstand um Wahrheit und nicht um Effizienz kümmern, wären wir heute wie StudiVZ.

Ausgestorben.

Ba Dum Tss

Nun kommt dein Herz ins Spiel.

Mit dem Herzen sehen, bedeutet nicht mehr, als mit Mitgefühl zu sehen. Es bedeutet seinem ersten Urteil zu misstrauen und Menschen die Möglichkeit zu geben, zu zeigen, was unter ihrer Oberfläche liegt. Das kostet Zeit und Energie. Doch am Ende lässt es dich die Welt so sehen, wie sie ist. Nicht wie es dir ein verzerrtes Bild sagt.

5 Es ist schwierig über sich selbst zu richten

Als der König den kleinen Prinzen zum Justizminister seines überschaubaren Planeten ernennt, ist dieser verwirrt. Über wen soll er richten, wenn es keine Menschen auf diesem Steinbrocken gibt?

„Dann wirst du eben über dich selbst zu Gericht sitzen”, erwiderte der König. “Das ist das Schwierigste. Es ist viel schwieriger über sich selbst zu richten, als über andere. Wenn dir das gelingt, bist du ein wahrhaft weiser Mann“

Der König hat recht. Nichts fällt uns schwerer, als über uns selbst zu richten. Wieso aber?

Evolution.

Ernsthaft, Marcel? Willst du wieder alles mit Sex erklären?

Yes fucking Sir!

Dein Verstand nutzt Heuristiken1. Eine davon sorgt dafür, dass wir uns selbst besser sehen, als wir eigentlich sind.2

Wir halten uns im Schnitt für attraktiver, intelligenter, zurückhaltender als der Durchschnitt und hinzu kommt, dass wir alle denken überdurchschnittlich gute Autofahrer zu sein. Diese Überbewertung unserer Eigenschaften dient einem Zweck: Ein positives Selbstbild.

Ein starkes Selbstbild fühlt sich gut an. Was kümmert es Evolution aber, ob du dich gut fühlst? Ihr ist nur wichtig, dass du dich fortpflanzt.

Robert Kurzban hat hierzu eine Theorie entwickelt. Er sieht den Sinn in Selbsttäuschung darin, dass sie die Chance erhöht, dass wir andere täuschen. Dies würde wiederum unseren sozialen und sexuellen Marktwert erhöhen, was unsere Chance auf Bunga Bunga nach oben jagt.

Wenn wir unsere Selbsttäuschungen glauben, treten wir selbstbewusster auf. Dieses Selbstbewusstsein fühlt sich gut an und sorgt wiederum dafür, dass andere uns mehr Vertrauen schenken. 3

Das kann auch ein Schuss ins Knie werden. Nämlich dann, wenn es dich in deiner Entwicklung hindert.

Um zu wachsen, musst du aus deinen Fehlern lernen. Wenn du die Schuld aber ständig bei anderen suchst, weil dein Verstand dein Selbstbild schützt, wirst du sie nie als deine Fehler sehen. Ohne Erkenntnis kein Wachstum, ohne Wachstum kein Leben.

Du kannst deiner Natur nicht entkommen. Alles was dir übrig bleibt, ist dich selbst kennenzulernen. Dazu musst du emotionale Distanz zu dir und deinen Problemen schaffen, um so objektiv wie möglich, ihre Ursachen zu erkennen. Klingt einfach, benötigt aber Zeit und Aufmerksamkeit.

Wieso es aber nicht wenigstens versuchen?

Du hast nichts zu verlieren.


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  1. Analytisches Vorgehen, um mit begrenztem Wissen und unter Zeitdruck eine annähernd richtige Lösung zu ermitteln
  2. Illusory Superiority
  3. Robert Kurzban – Why everyone (else) is a hypocrite