Therapie klingt gefährlich, ist aber recht banal. Ehrlich. Stell dir einen Raum mit zwei bequemen Sesseln, Taschentüchern und einem wildfremden Menschen vor, der dir andauernd persönliche Fragen stellt. Das ist Psychotherapie. Aber auch wenn es simpel klingt und sich eure Gespräche meist nur darum drehen, wieso du dich unverstanden fühlst, ist eine Therapie vermutlich das beste, was dir passieren kann. Auch wenn du gesund sein solltest.

Hallo, ich bin Marcel und ich bin ein Wrack

Mit Mitte 20 lebte ich wie ein abgebrannter Rockstar. Statt einer stabilen Beziehung, pflegte ich eine ausufernde Sexsucht, meine wiederkehrenden Depressionen ließen mich nicht schlafen und die einzigen Menschen, mit denen ich über meine Emotionen sprach, waren anonyme Tinder-Dates. Mein Leben war erbärmlich, doch es störte mich nicht weiter, bis auf eine lästige Kleinigkeit:

Ich musste ständig heulen. 

Egal ob im Büro, oder an der Supermarktkasse, überall überrumpelten mich neuerdings Mini-Nervenzusammenbrüche. Ohne ersichtlichen Grund. Das fand ich besorgniserregend.

Vielleicht war es an der Zeit, Tinder zu löschen und mit einem Therapeuten über meine Probleme zu sprechen.

Aber was waren eigentlich meine Probleme?

Du erwartest jetzt vermutlich eine mitreißende Story über eine schreckliche Kindheit, doch ich muss dich leider enttäuschen. Mein Leben war eigentlich ganz okay.  Meine Mutter hat sich für mich den Arsch aufgerissen, ich hatte von Allem immer genug und bis auf eine Vaterfigur nach der Scheidung meiner Eltern, hat es mir nie an Etwas gemangelt. Mein Leben war selten wirklich schwer und trotzdem brauchte ich Hilfe dabei. Shit happens.

Mich hat das lange beschäftigt. Sicherlich hätten Therapeuten wichtigeres zu tun als einem erwachsenen Mann dabei zuzuhören, wie er darüber jammert, nicht verstanden zu werden. Doch selbst falls es so gewesen sein sollte, ich hatte niemals etwas wichtigeres zu tun gehabt.

Du brauchst kein abgefahrenes Kindheitstrauma, dessen Verfilmung zwei Oscars abräumt, um eine Therapie zu benötigen. Das Leben ist für jeden auf seine Art schwer, selbst wenn es mehr oder weniger in seinen geregelten Bahnen verläuft. Therapie hilft dir Erlebnisse zu verarbeiten, die du allein nicht verarbeiten kannst, egal ob sie groß oder klein sind.

Egal wie groß oder klein sie sind? 

Wieso du deinem Unterbewusstsein nicht entkommen kannst

Egal was du in diesem Bild erkennst, es ist der Beweis dafür, dass du verrückt bist.

Klar, du kannst Menschen, die an vermeidlich kleinen Problemen scheitern, als Heulsusen abtun, die sich einfach mal zusammenreißen müssen. Doch das ist nur eine einfache Antwort auf ein komplexes Phänomen: Unser Unterbewusstsein.

Bevor wir dazu kommen, wieso auch kleine Probleme unser Leben erschüttern können, erst einmal kurz etwas über den Unterschied von psychischen Krankheiten und „mentalen Problemen“.

Wenn wir unter einer Krankheit leiden, dann läuft in unserem Körper etwas schief und er wird in seiner eigentlichen Funktion eingeschränkt. Wenn dich eine Depression an dein Bett fesselt oder eine Angststörung dich lähmt, dann ist es ziemlich offensichtlich, dass wir von einer Krankheit sprechen. Was ist aber wenn du krankhaft eifersüchtig bist, keine Beziehungen eingehen kannst, oder auf Stress mit dem Griff zum Alkohol antwortest? Sind diese mentalen Probleme auch Krankheiten?

Die Antwort: Es ist kompliziert.

Psychische Erkrankungen, wie Depressionen und Borderline-Persönlichkeitsstörung lassen sich nicht mit krankhafter Eifersucht oder Pessimismus vergleichen, genauso wenig wie du Krebs und Multiple Sklerose mit Schnupfen und Bindehautentzündung vergleichen kannst. Dennoch gibt es zwischen ihnen auch Gemeinsamkeiten.

Die Gemeinsamkeit ist, dass sie unsere normalen körperlichen oder geistigen Funktionen stören. Für die körperlichen Wehwehchen wurden wir alle mit einem Immunsystem ausgestattet, das es uns erlaubt, uns von kleineren Krankheiten von selbst zu erholen. So ein Immunsystem gibt es auch für unseren Verstand, doch nicht jeder Mensch wird damit geboren. Man nennt dies Optimismus.

Optimismus und Pessimismus sind weniger Einstellungssache, als vielmehr eine Frage der Genetik. Während 2/3 der Menschen einen positiven Blick auf die Welt von Natur aus haben, sehen 1/3 die Dinge eher negativ 1. Die positiven Gedankenmuster, die Optimisten in die Wiege gelegt wurden, wirken wie ein psychisches Immunsystem. Sie helfen dem Verstand sich von kleineren Traumata zu erholen.

Wenn du jedoch ohne diesen Schutz geboren wurdest und das Leben eher negativ siehst, gerätst du schnell in negative Gedankenspiralen. Diese schlechten Gedanken können tatsächlich ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen.

Negative Denkmuster setzen sich Stück für Stück immer stärker in deinem Unterbewusstsein fest. Es ist ein Teufelskreislauf. Je negativer deine Einstellung, desto mehr negative Dinge siehst du, desto negativer wird deine Einstellung und so weiter. Selbst kleine Probleme bekommen durch diese Festsetzung enormes Gewicht, bis du ihnen nicht mehr entkommen kannst. 2

Für Optimisten sieht es so aus, als ob Pessimisten sich einfach nur mal zusammenreißen müssten. Was sie nicht verstehen (können) ist, dass sich ein pessimistisches Gehirn mit purer Willenskraft nicht überwinden lässt. Unser Bewusstsein ist unserem Unterbewusstsein knallhart unterlegen. Während unser Unterbewusstsein über Jahrtausende von der Evolution perfektioniert wurde, ist unser bewusstes Denken eher ein modernes Phänomen. Unser Bewusstsein ist zu jung und zu schwach, um diesem uralten Koloss in unserem Gehirn etwas entgegensetzen zu können.

Doch wenn du auf dem Schulhof der jüngste und schwächste bist, dann musst du dir eben starke Freunde suchen, die deinen Feinden auf die Fresse hauen.

Therapeuten sind solche Freunde.

Jeder braucht irgendwann eine Therapie

Wenn du mit einem positiven Verstand gesegnet bist, bist du nicht unbesiegbar und wenn du mit einem pessimistischen Verstand gestraft wurdest, bist du kein ewiges Opfer. Für jeden Menschen kommt der Punkt im Leben, wo er eine Therapie gebrauchen könnte.

Egal ob Veranlagung oder Trauma, wenn du nicht mehr in der Lage bist, deine eigenen Unzulänglichkeiten zu verarbeiten, wird es unangenehm. Nicht nur für dich, sondern auch für die Menschen um dich herum.

Untreue, Streitsucht, Misshandlungen, Manipulation, Gier und Gewalt sind keine Zeichen dafür, dass Menschen grundauf böse sind, sondern, dass wir Probleme haben, die wir nicht richtig verarbeiten. Sie wachsen uns so sehr über den Kopf, dass sie nicht nur unser Leben zur Hölle machen sondern auch das unserer Mitmenschen.

Gewalt und verletzendes Verhalten sind vielschichtige Probleme, finden ihren Ursprung aber meistens in einer unaufgearbeiteten Vergangenheit. Professionelle Hilfe ist der erste Schritt, dies in den Griff zu bekommen und seine Probleme nicht zu denen, von anderen zu machen. Würden Menschen ihre katastrophale Art öfter hinterfragen und mit einem Therapeuten an ihnen arbeiten, wäre die Welt vermutlich ein wesentlich angenehmerer Ort.

Okay, okay, vielleicht wäre es doch überzogen, wenn jeder mit seinen Problemen einen Therapeuten aufsuchen würde. Manchmal reicht es auch aus, wenn wir unser Unterbewusstsein selbst in die Mangel nehmen. Die zwei einfachsten Techniken hierfür sind:

Brauchst du eine Therapie?

Ich habe mein These gerade selbst widerlegt also stellen sich zwei Fragen:

  1. Wieso passe ich sie dann nicht an (Antwort: Ich habe schon zu viel geschrieben als dass ich jetzt noch einen Rückzieher machen könnte)
  2. Woran erkenne ich nun, ob ich Hilfe brauche? Antwort:

Therapie war die beste Entscheidung meines Lebens

Den größten Teil der obigen Punkte habe ich selbst durchlebt. Statt herauszufinden, wer ich bin und was ich will, habe ich die beste Zeit meines Lebens mit Selbstzerstörung verbracht und dem Versuch so viele Frauen wie möglich abzufucken. Ich war ein lächerliches Klischee, ein zynisches Arschloch, dass sich hinter seiner großen Klappe vor seinen Selbstzweifeln versteckt.

Ich redete mir früher ein, dass meine arme Seele nur ein wenig Verständnis brauchte und dann alles wieder gut werden würde. So suchte ich mir Kontakt zu Menschen, die mich verstehen konnten, weil sie die gleichen Probleme hatten wie ich. Doch weder ich, noch meine Mitmenschen haben in diesen Zusammenkünften Frieden finden können. Schlimmer noch, wir haben uns stattdessen weiter zerstört. Niemand von uns war in der Lage, gesunde Beziehungen zu entwickeln und niemand war in der Lage den anderen zu reparieren. Das ist auch eine falsche Vorstellung, denn kaputte Menschen müssen nicht repariert werden, sie müssen wachsen.

Mein Therapeut hat nicht viel getan außer mir die richtigen Fragen in den richtigen Momenten zu stellen. Doch genau diese Momente waren es, die mir geholfen haben, um aus meinen Teufelskreisläufen zu entkommen und Mephisto den Mittelfinger zu zeigen.

Therapie ist keine Wunderpille, die dein Leben auf magische Art und Weise von einem Kriegsschauplatz in ein IKEA-Bälleparadies verwandelt. Alles was sie tun kann ist „dein Leben von Minus 10 auf 0 zu bringen“ 5. Doch erst wenn du wieder auf 0 gelandet bist, kannst du auch endlich anfangen dein Leben zu gestalten.

Meine Therapie hat mir geholfen, mit meinen großen Dämonen fertig zu werden, sodass ich anschließend endlich Energie hatte, um die kleineren selbst in Angriff zu nehmen. Ich lernte wie man eine stabile Beziehung führt, das Verhältnis zu meiner Mutter hat sich verbessert und Schritt für Schritt löse ich mich von der Bestätigung anderer. Ich bin endlich in der Lage Verantwortung für mich zu übernehmen.

Bist du Opfer oder Gegner?

Mein Argument für Psychotherapie ist pragmatisch und recht unemotional:

Wenn du Opfer der Verdrahtung deines Gehirns bist, dann hast du ohne fremde Hilfe keine Chance auf ein besseres Leben. Du kannst noch so viele grüne Smoothies trinken, deine gegessenen Kohlenhydrate zählen und dir jeden Morgen vor dem Spiegel ins Gesicht schreien, dass du ein wunderschöner Motherfucker bist: Dein Unterbewusstsein bleibt der Boss im Haus.

Therapie ist nicht die Frage, ob du schwach oder verrückt bist, Therapie ist die Frage, ob du dich kampflos geschlagen gibst, oder versuchst dein Leben zum besseren zu drehen. Es ist die Frage, ob du Opfer oder Gegner bist.


An eine Therapieplatz zu kommen, ist nicht einfach. Lange Wartezeiten, bürokratischer Papierkrieg und am Ende kann es immer passieren, dass du und dein Therapeut nicht zueinander passen. Hart, unfair und entmutigend. Doch die Anstrengung wird sich lohnen. Oftmals ist sie der einzige Unterschied zwischen einem Scheiße-Tornado und einem zufriedenen Leben.


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