Manchmal kann das Leben ziemlich beschissen sein. Das habe ich auf die harte Tour gelernt als ich innerhalb der letzten drei Monate Gesundheit, Job und Beziehung verlor. Hier ist meine Geschichte:

Erster Aufzug – Me, Myself and I

Du hast 99 Probleme und alle sind dein Ego.

Die folgenden Absätze und mein Leben haben eine Gemeinsamkeit: Es geht hauptsächlich um mich. Woran das liegt, will ich nicht beurteilen. Vielleicht bin ich ein egoistisches Arschloch. Vielleicht aber auch nur ein durchschnittlicher Typ. Vermutlich ist beides das Gleiche.

Bevor du mich verurteilst, sollst du jedoch wissen, dass ich die besten Absichten habe. Ich bin kein Heiliger, aber auch nicht mehr der unerträgliche Wichser von früher. Die Zeiten in denen ich ahnungslosen Menschen Handyverträge andrehte, die sie weder brauchten, noch bezahlen konnten, waren lange vorbei.

Ich war weit gekommen.

Sagte mein Ego.

Warum sollte ich ihm misstrauen?

(Vielleicht, weil es ein dreckiges Miststück ist. Aber was weiß ich schon.)

Es wäre ungerecht, meinem Ego die Schuld an dieser Katastrophe zu geben. Ebenso wie es ungerecht wäre, einem Affen die Schuld daran zu geben, dass die ganze Wohnung nach Bananen stinkt.1 Jeder tut das, was er am besten kann.

Ich war zufrieden mit meinem Leben und glaubte, dass es allein mein Verdienst war. Nach unzähligen Büchern, Artikeln und Ratschlägen, hatte ich meinen Scheiß endlich beisammen. Erst fand ich Frieden, dann wurde mein Leben gut.

Tatsächlich war es umgekehrt. 

Das erkannte ich, als alles in sich zusammenfiel.

Zweiter Aufzug – Wie ich meine Gesundheit verlor

Es läuft so lange gut, bis es das nicht mehr tut.

Ich hatte mein Leben lang paranoide Angst davor, krank zu werden. Mit 15 machte ich meinen ersten HIV-Test, mit 16 Koordinationsübungen aus dem Internet, um herauszufinden, ob ich einen Hirntumor hatte. So ging das Spiel weiter und über die Jahre änderten sich nur die Krankheiten. Krebs, HIV, Lyme-Borreliose, chronisches Erschöpfungssyndrom. Spaßige Zeiten.

So absurd die Sorgen waren, so real war die Angst und damit die Erleichterung, sobald ein Test bestätigte, dass ich kerngesund war. Bis einer das vor einigen Monaten nicht mehr tat.

Vor zwei Jahren begann ich unter mysteriösen Bauchkrämpfen und Verdauungsbeschwerden zu leiden. Ich erwartete Darmkrebs im Endstadium, hoffte aber wie immer auf einen falschen Alarm. Nach einem Arztwechsel und einer Darmspieglung lag die Diagnose mit Morbus Crohn irgendwo dazwischen.

Shit happens (haha).

Dritter Aufzug – Wie ich meinen Job verlor

Wenn du nichts riskierst, kannst du nichts gewinnen. Wenn du etwas riskierst, kannst du alles verlieren.

Millennials 2 haben eine empfindliche Schwachstelle. Sie erwarten von ihrem Job, dass er sie erfüllt.

Sie suchen keine Jobs, sie suchen „Herausforderungen“. Was sie damit eigentlich meinen ist, dass sie sich selbst suchen, was aber in den meisten Bewerbungsgesprächen nicht sonderlich gut ankommen würde.

Auch ich war auf der Suche nach „Herausforderungen“ und fand sie. Ich wechselte meinen Job und glaubte damit den Grundstein  einer sinnvollen Karriere gelegt zu haben. Vielleicht war es nicht das Next Big Thing, aber immerhin etwas mit Impact. Startups und ihre beschissenen Buzzwords.

Nach drei Monaten platzte der Traum und ich wachte im Warteraum der Arbeitsagentur auf.

Links neben mir ein verschreckter Erst-Arbeitsloser, der unsicher auf seine Schuhe starrte.

Rechts neben mir ein Agentur-Veteran mit Knast-Tattoo auf dem Unterarm und vergilbtem Oberlippenbart, der in aller Ruhe ein Vormittags-Power-Nap hielt.

Mir gegenüber ein Wachmann der Agentur, der für Ordnung sorgen würde, falls mal einer durchdrehen sollte.

Tolle Herausforderung.

Vierter Aufzug – Wie ich meine Liebe verlor

Alles ist vergänglich. Wie könnten wir sonst aufrichtig lieben?

Zwei Momente reichten aus und aus einem normalen Typen, wurde ein kranker Arbeitsloser. Das war der beschissenste #TransformationThursday aller Zeiten.

Was mich in dieser Zeit bei Verstand hielt, war meine Beziehung und die Träume einer gemeinsamen Zukunft.

Doch zu lieben und zu träumen, das ist der einfache Teil. Schwierig wird es, wenn zwei Menschen aus Gefühlen eine gemeinsame Realität erschaffen wollen.3 Manche schaffen das.

Wir nicht.

Erst wurde ich krank, dann verlor ich meinen Job und nun meine Beziehung.

Ein hässlicher Riss krachte durch meine Seele.

In den vergangenen Monaten war wie ich eine Spinne in den Fängen eines Kindes. Mein Überlebenswille war stark, doch niemals stärker als seine sadistische Neugier. Erst spielte es nur und als es langweilig wurde, riss es mir die Beine aus.

Dabei immer die 1-Million-Euro-Frage:

„Was wirst du jetzt tun kleine Spinne?“

Scheiße, keine Ahnung. Kann ich das Publikum fragen? 

Fünfter Aufzug – Der Preis der Erkenntnis ist ein Leben in Trümmern

Das Leben wird dir erst antworten, wenn du vernünftige Fragen stellst.

Wie konnte das alles passieren? Ich habe doch alles richtig gemacht. Meine Ziele waren nobel verdammt! Was sollte diese Scheiße? Okay, vielleicht habe ich mich das ein oder andere Mal mit Ben & Jerry’s ins Fresskoma katapultiert, aber muss ich deswegen gleich an verficktem Morbus Crohn erkranken? 4

Ich fühlte mich betrogen. Hatte meinen Scheiß nicht mehr beisammen. Aus Frieden wurde Leid.

GOTTVERDAMMT!

Alles zog sich zusammen und ich schaltete auf Überlebensmodus: Reiß dich zusammen und finde den schnellsten Weg hier raus.

Irgendwie musst es gehen. Ich durchwühlte meinen Verstandes und bohrte nach Erinnerungen. Was kann ich tun?

Dann hatte ich einen Plan. Er verdrängte meinen Schmerz und kittete mein Leben. Er war perfekt. Ich müsste lediglich die richtigen Fragen stellen und würde zwangsläufig die richtigen Antworten finden:

Wie werde ich wieder gesund?

Wo finde ich einen neuen Job?

Wie komme ich über die Trennung hinweg?

Yeah, Baby!

Der Schmerz war weg. Die Kontrolle war da. Gib mir 3 bis 6 Monate, dann wäre alles wieder gut.

Fick dich, Schicksal! Der Boss is back! 

Dann sprang mir die Erkenntnis direkt ins Gesicht.

Ich war ein Vollidiot. 5

Statt den Schmerz zu akzeptieren und zu erkennen, woher er kam, rannte ich wieder vor ihm davon. Viel schlimmer noch: Ich hielt mich dabei für unheimlich clever.

Ich glaubte meinem Ego als es mir erzählte, dass ich mein Ego gut im Griff hätte.

Sechster Aufzug – Der Ursprung meiner Verzweiflung

„Life’s a bitch and then you die“ Nas

Die Erkenntnis war erbarmungslos und schmierte mir mein Versagen direkt ins Gesicht. Ich hatte kein gutes Leben, weil ich Frieden gefunden hatte. Ich hatte ein gutes Leben, weil ich Glück hatte.

Zufall. 

Mehr nicht.

Gesundheit, toller Job, Wahnsinns-Frau. Wer wäre hätte da nicht geglaubt, Frieden gefunden zu haben?

Doch er war niemals echt gewesen.

Die Dinge die meinen Frieden ausmachten, lagen weit außerhalb meiner Kontrolle. Sie waren nobel. Ohne Frage. Doch sie waren vergänglich. Somit war es mein Frieden auch.

Ich erwartete von meinem Leben in guten Bahnen zu verlaufen, weil ich das Richtige tat (zwar nicht aus den richtigen Gründen, aber immerhin). Still und heimlich unterwanderten diese Erwartungen das Fundament meiner Seele. Als sie dann an der harten Fassade der Realität zerschmetterten, rissen sie alles mit sich.

Das Leben schmiss mit Scheiße auf mich und schrie dabei: BO! BO!

Der Schmerz war brutal. Da gibt es keine Umschreibung. Aber er war nicht die Quelle einer Verzweiflung:

Der Ursprung meines Leids war nicht meine Krankheit, der verlorene Job oder das gebrochene Herz. Vielmehr war es die Erwartung, dass mir diese Dinge nie passieren konnten. 

Wie konnte ich von meinem Körper erwarten unzerstörbar zu sein? 6

Oder von meiner Beziehung, dass sie ewig halten wird?

Warum glaubte ich, dass mich mein Job erfüllen müsste, wenn ich mich nicht einmal selbst erfüllen konnte?

Mein Problem waren nicht die falschen Antworten, sondern die falschen Fragen.

Der Schluss – Fragen & Antworten finden

“Um tapfer zu sein, muss man standhalten. Wenn du dich also aufbringen lässt, so läufst du davon.” William Shakespeare

Ich erkannte (wieder einmal), dass mein Ego mein Feind war. 7. Wenn ich wirklich Frieden finden wollte, müsste ich es in Ketten legen und aufhören vom Leben zu erwarten, etwas für mich zu tun. Das war meine Antwort auf den Schmerz und wie bei jeder guten Antwort, entstanden auch aus ihr neue Fragen:

Wie kann ich akzeptieren, dass meine Gesundheit vergänglich ist?

Wie finde ich Erfüllung in mir, statt von der Welt zu erwarten, dass sie mich erfüllt?

Was bedeutet Liebe?

Eine gute Geschichte ist immer mehr Mittel als Zweck. Die Autorin will dich die Welt durch ihre Augen sehen lassen, weil sie glaubt, dir so helfen zu können. Ohne einen Funken Arroganz im Herzen würde niemand auf so eine irrsinnige Idee kommen.

Auch ich trage diese Arroganz in mir. Sie trieb mich an, meine Geschichte mit dir zu teilen.  Nicht weil sie wichtig oder einzigartig ist. Nein. Vielmehr weil ich glaube, dass meine Erkenntnis dir durch deine Krise helfen kann. Vielleicht irre ich mich auch, doch dann sollst du wissen, dass ich nur die besten Absichten hatte.

Vom Leben nicht mehr zu erwarten, dass es gut zu mir ist, ist weder simpel noch leicht. Es ist ein Weg, auf dem ich scheitern werde. Doch falls das passieren wird und ich aufgeben will, sollte ich mich fragen, ob ich nicht gerade deshalb weitermachen sollte.

Vielleicht solltest du das auch.

Du hast nichts zu verlieren.


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  1. Bei der Kontrolle ist mir aufgefallen, dass ich diesen Vergleich unbewusst von Tua geklaut habe. Ich habe es stehen lassen, weil ich zu faul war, einen neuen zu suchen. Hier der Song mit Casper und Vega.
  2. Menschen die zwischen 1980 und 2000 geboren wurden und Sätze gern mit „lol“ beenden lol
  3. Empfehlenswerter Artikel hierzu ist Mark Manson – Love is Not Enough
  4. Es ist nicht endgültig geklärt, wie Morbus Crohn entsteht. Ärzte vermuten, dass neben erblichen Faktoren und Umwelteinflüssen, die falsche Ernährung eine entscheidende Rolle spielt. Ooopsie
  5. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bin ich es immer noch.
  6. Dieser Satz wurde bereits von wesentlich klügeren Denkern ausgesprochen. Allen voran Marc Aurel
  7. Empfehlung: Ryan Holiday – Dein Ego ist dein Feind