Mit 16 wollte ich Porno-Darsteller werden. Jeden Tag Barbie-Puppen mit monströsen Brüsten vögeln und dafür auch noch bezahlt werden. Einen Penis haben, der Frauen den Verstand raubt und Männer in eine Sinnkrise stürzt. Ich wäre ein Anführer, ein Vielficker, ein Alpha. Es konnte kein besseres Leben geben.

Zu meiner Verteidigung: Ich war 16, untervögelt, verwirrt und ein Vollidiot. Jeder glaubt in diesem Alter, dass Sex und Anerkennung die Lösung aller Probleme sei. Vielleicht waren meine Wünsche überzogen, aber jeder pubertierende Junge hat irgendwann diesen Traum. Ganz normaler Wahnsinn, der vergeht.

Meiner verging nicht.

Als mit Anfang 20 die Menschen um mich herum erwachsen wurden, blieb ich ein verunsichertes Kind. Ich flüchtete mich in meinen Traum ein richtiger Mann zu werden. Niemand der das Leben anfleht, ihm etwas zu schenken. Ein Mensch, der sich nimmt, was ihm gottverdammt nochmal zusteht. Ich würde es der Welt zeigen.

An dieser Stelle wäre eine berechtigte Frage:

Wieso war ich so ein unausstehliches Arschloch?

Die Antwort:

Ich war unsicher und hatte keine Ahnung was es bedeutet, ein Mann zu sein.

Damit war ich kein Einzelfall.

Männlichkeit in der Krise

Frauen leiden 40% häufiger an Depressionen, dennoch gehen 75% aller Suizide auf das Konto von Männern.

Männer trinken mehr, rauchen mehr, essen mehr Müll, besuchen gleichzeitig aber selbst bei anhaltenden Beschwerden seltener einen Arzt. Als Folge erkranken sie nicht nur öfter an Krebs, sie sterben auch bis zu 5 mal häufiger an dessen Folgen.1

Je brutaler eine Straftat ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter männlich ist.2 Im Fall von Amokläufen und Serienmorden sind die Täter sogar fast ausschließlich männlich3

Männer verhalten sich irrational, gefährlich und explosiv. Sie sind eine Gefahr für ihre Familie, die Umwelt und in allererster Linie für sich selbst. Was ist los mit ihnen?

Liegt es am Penis? Diesem labbrigen Hautlappen der so lustig und unschuldig zwischen unseren Beinen baumelt? Können wir nicht anders? Sind “Jungs eben Jungs”?

Egal wie groß ein Penis auch sein mag, die Probleme von Männern sind weitaus größer.

Was bedeutet es, ein Mann zu sein?

Über viele Jahrtausende war das Leben simpel. Ein Mann hat Essen nach Hause gebracht und die Familie beschützt. Frauen haben den Haushalt geschmissen und die Fresse gehalten wenn Fußball lief. Nicht unbedingt gerecht, aber zweckmäßig, denn: Jeder hatte seinen Platz und seine Aufgabe.

Es gab keine Fragen, was einen Mann oder eine Frau ausmachte. Hattest du eine Vagina, musstest du 12 Kinder zur Welt bringen, hattest du einen Penis, musstest du die Familie versorgen. Ende der Geschichte.

Je mehr ein Mann besaß, desto eher konnte er alle Mäuler stopfen. Also strebten sie nach Besitz. Je stärker ein Mann war, desto eher konnte er Feinde und Bedrohungen abwenden. Also strebten sie nach Stärke.

Nur stark zu sein, bringt dich nicht weiter. Jeder muss wissen, dass du stark bist. Wer schwach wirkt, der lädt Feinde ein, sich zu nehmen was sie wollen. Männer konnten es sich nicht leisten schwach zu sein, viel weniger aber noch, schwach zu wirken.

So ein Leben ließ keinen Raum für den Ausdruck von Emotionen. Gefühle waren irrational und der sicherste Weg, ausgenutzt zu werden. Die männliche Welt war ein gnadenloser Konkurrenzkampf, der jeden Fehltritt bestrafte. Für Männer hieß es: Abliefern oder untergehen.

Das Leben war hart. Doch es gab Männern eine Identität. Einen Platz im Leben. Ihre Aufgabe war es, Männer zu sein.

1960 änderte sich das.

Frauen hatten keinen Bock mehr auf ein Leben im Schatten der Männer. Sie gingen auf die Straße und veränderten damit die Welt. Die Emanzipation der Frau kroch mit der Zeit aus den unscheinbaren Fernsehberichten direkt in die Lebensrealität der Männer. Erst begannen sie zu arbeiten, später steuerten sie einen nicht unerheblichen Anteil zum Familieneinkommen bei.

Die Tage des Mannes als Alleinverdiener und Versorger waren gezählt.

Für Frauen war dies ein beispielloser Sieg. Endlich konnten sie Flugzeuge fliegen, in Kriegen kämpfen, Bier trinken und darauf hoffen, irgendwann mit Männern auf Augenhöhe zu leben. Ihr Vorteil war, dass eine Frau männlicher sein und weiterhin als Frau gelten konnte. Sie konnten nur gewinnen.

Für Männer war dies eine beispiellose Niederlage. Sie waren zwar immer noch die Hauptversorger der Familie, dennoch verloren sie ihren Halt. Ihre Identität stürzte in sich zusammen, denn sie hatte einen fatalen Schwachpunkt: Ein Mann konnte nicht weiblicher sein und gleichzeitig noch als Mann gelten. Sie konnten nur verlieren.

Frauen erweiterten ihre Identität, Männer fielen ihren eigenen Vorstellungen zum Opfer. Für sie begann jetzt die Zeit der Unsicherheit. Die Zeit der toxischen Männlichkeit.

Männer und toxische Männlichkeit

Unser Verstand hasst Unsicherheit, denn sie war der Unterschied zwischen Überleben oder Löwen-Snack. Wenn du dir unsicher warst, ob ein Rascheln im Gebüsch nur ein Rascheln oder ein Raubtier war, dann warst du schon so gut wie tot. Unser Gehirn entwickelte eine übertriebene Abneigung gegen jede Form der Unsicherheit.

Egal wie sehr wir suchen, forschen und fragen, manchmal können wir Unsicherheiten nicht aus dem Weg räumen. Also steht unser Unterbewusstsein vor einer Wahl: Verrückt vor Angst werden oder einfach eine Antwort erschaffen, selbst wenn diese in die eigene Zerstörung führt.

Wenn Männer unsicher sind, was es bedeutet ein Mann zu sein, dann flüchten sie sich als Folge in übertriebene männliche Klischees und schaden damit der Gesellschaft und/oder sich selbst. Das nennt man toxische Männlichkeit. Ihr Verstand kann diese Verunsicherung nur durch eine übertriebene Selbstdarstellung lösen. Männer zeigen der Welt so deutlich, dass sie Männer sind, bis sie es selbst glauben. Koste es, was es wolle. 4

Toxische Männlichkeit hat faszinierende Dinge wie Rap Videos, UFC Käfigkämpfe und Dan Bilzerian hervorgebracht.  Mit Geld schmeißen, Muskeln zeigen und auf Ärsche klatschen. Der feuchte Traum eines jeden pickligen männlichen Teenagers.

#RIP Hugh Hefner, you always were a big inspiration, rest easy legend

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Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist es geradezu lächerlich was Männer alles tun, um zu beweisen, dass sie Männer sind. Meine frühen Zwanziger waren leider nicht so witzig.

Verzweiflung und das Gefühl der Wertlosigkeit bestimmten mein Leben. In meinem Schädel verbohrte sich die Idee, dass ich endlich ein Mann werden müsste, um das in den Griff zu bekommen. Doch wer konnte mir zeigen, was es bedeutet ein Mann zu sein, wenn Männlichkeit in einer tiefen Krise steckte?

Niemand hatte Hollywood, Talk Shows oder Musikvideos nach einer Antwort gefragt, trotzdem haben sie eine gegeben. Echte Männer waren Anführer, Player und stark. Weinen war keine Option und sie ließen sich nichts gefallen. Sie nahmen sich ihr Recht auf Sex und besorgten es Frauen richtig.

Mit diesen Antworten begab ich mich auf eine Reise voller Gelegenheitssex, Hass und Leere. Der ständige Druck und das Leben erschien mir furchtbar ungerecht. Wieso hatte ich es nicht verdient glücklich zu sein? Wieso ging es mir so schlecht?

Meine Welt drehte sich um eine einzige Sache:

Mich selbst.

Dass ich auf meiner Expedition zu meiner Männlichkeit eine Schneise der Verwüstung hinterließ war mir – diplomatisch ausgedrückt- scheißegal. Frauen waren so lange interessant, bis sie mein Ego bestätigten, danach waren sie vor allem lästig. Gewissensbisse? Don’t hate the player, hate the game.

Unsere Vorstellungen davon, was es bedeutet eine Frau oder ein Mann zu sein, sicherte früher unser Überleben. Heute sind sie ein Relikt, das uns zerfrisst.

Frauen tragen den gesellschaftlichen Druck nach innen und leiden verstärkt unter Depressionen, Essstörungen und Panikattacken. Sie zerbrechen und fallen in sich zusammen. Männer richten ihren Druck nach außen und fliehen in Aggressionen und Alkohol. Sie zerbrechen und explodieren nach außen.

Frauen sind Opfer. Männer sind Opfer.

Frauen erhalten Verständnis. Männer erhalten Verachtung.

Feminismus ist auch keine Lösung

Moderner Feminismus hat kein Interesse daran Männern aus dieser Situation zu helfen. Wieso auch? Es sind Männer die zuschlagen, vergewaltigen, keinen Bock haben ihre Macht zu teilen. Feminismus hat keinen Bock auf die Art und Weise wie Männer sind und daraus machen sie keinen Hehl.

Ich versteh das. Würde mich aller 50 Meter ein Typ fragen, ob ich ihm einen Blasen würde, hätte ich die Schnauze auch voll. Die Wut hat ihre Daseinsberechtigung.

Doch sie bietet keine Lösung.

New Rage Feminismus geht in die Offensive und sieht in jedem Mann erst einmal ein privilegiertes Arschloch.

Das ist okay, weil es zu 100% wahr ist. Aber ändert das etwas?

Wahrheit ist ein nobles Ziel, bringt jedoch nicht automatisch Veränderung. Vor allem dann nicht, wenn sie 50% der Weltbevölkerung in die Defensive drängt, ohne eine Alternative anzubieten.

Als Student mit unerschütterlichen moralischen Idealen ist es leicht, sich eine Welt ohne den Halt von Geschlechter-Identitäten vorzustellen. Du stehst über solchen überholten Vorstellungen. Du hast dein Missy Magazin, deine Fusion und deinen veganen Fertigfraß der gerade bei Lidl im Angebot ist. Doch was du nicht hast, ist die Weitsicht, dass du selbst eine Ausnahme bist. Nicht die Regel.

Menschen brauchen den Rahmen einer Identität und für die meisten ist es ihr Geschlecht. Rollenbilder zu zerstören, kann niemals eine Lösung sein. Wir müssen sie erweitern und verändern. Nur wenn du Menschen diese Sicherheit geben kannst, werden sie bereit sein, ihre alten und giftigen Vorstellungen hinter sich zu lassen.

Wir müssen Männlichkeit neu definieren.

Was für ein Mann willst du sein?

Unsplashed

Niemand wird kommen und dich retten. Nicht deine Mutter, nicht deine Freundin, nicht dein Pickup-Guru, in dem du deinen emotional abwesenden Vater siehst. Kein Pusten, kein Kuss auf die Stirn, kein Trostpflaster. Du musst die Karre selbst aus der Scheiße ziehen.

Wir Männer sind am Arsch und die einzigen die daran etwas ändern können, sind wir selbst.

Worauf warten wir also?

Ich weiß was du denkst. Was für ein Bullshit! Ich bin ein Mann und tue was ich will. Nur weil ein paar Typen durchdrehen und Öko-Tussis mit bunten Haare Internetpolizei spielen, ändere ich noch lange nicht wer ich bin.

Ich verstehe deine Skepsis. Ich war am gleichen Punkt.

Stell dir nur eine Frage.

Leidest du unter deiner Vorstellung von Männlichkeit?

Wenn du deine Gym-Selfies postest, wenn du Frauen ungefragt Dick Pics schickst, wenn du dich mit deinen Bros im Club aus dem Leben schießt. Tust du das, weil es dich erfüllt, oder weil du glaubst, dass du es tun musst? Tun musst, um ein richtiger Mann zu sein?

Denk darüber nach. Nimm dir Zeit. Gib dir eine ehrliche und aufrichtige Antwort. Das bist du dir schuldig.

Was geht in dir vor, wenn du Nachts allein im Bett liegst? Wie gehst du mit den Erwartungen an dich als Mann um? Den Medien? Dem Druck? Willst du immer abliefern müssen? Niemals Schwäche zeigen? Für dich sein?

Vielleicht herrscht in dir ein kleiner Funken Zweifel. Die Idee, dass es eine andere Männlichkeit gibt. Tief vergraben und weggesperrt auf einem zerknüllten Papier.

Dann mach aus dieser Idee deine Realität.

Bau dir deine eigene Identität

Wäre ich mit Mitte 20 nicht auf dem harten Boden der Realität aufgeschlagen, würde mich jetzt vermutlich eine exotische Geschlechtskrankheit dahinraffen. Mein Zusammenbruch setzte mich auf Anfang. Ernüchternd, aber auch eine Chance, meine Identität als Mann zu überdenken.

Ich hörte auf nur zu sagen, dass es okay sei, wenn Männer weinten. Es wurde Zeit dieses Lippenbekenntnis endlich zu leben. Der Welt meine verletzliche Seite zu zeigen. Alle sollten sehen, dass ich Gefühle hatte. Sie sollten lernen, dass Schwäche zeigen, keine Schwäche war.

Weitaus schwieriger fiel es mir alle Telefonnummern von Frauen zu löschen, die ich lediglich ficken wollte. Es war Zeit meine Sucht nach Anerkennung in den Griff zu bekommen. Mein Entzug war hart und es gab genügend Rückfälle und Tränen. Ich schaffte den Absprung, zähmte mein Ego und lernte was es bedeutet, Menschen aus Verbundenheit zu lieben.

Zu guter letzt hörte ich auf nach Status und Besitz zu jagen. Diese Dinge würden mich nicht definieren, keine Bedeutung geben. Was ich brauchte, war Bestimmung, eine Aufgabe in meinem Leben. Eine Frau wird zur Frau, wenn sie tut, was sie tun muss. Ein Mann wird zu einem Mann, wenn er tut, was er tun muss. Ich muss schreiben, Geschichten erzählen und Menschen helfen, die meine Fehler wiederholen. Das macht aus mir einen Mann.

Heute habe ich meine Identität als Mann gefunden. Eine Identität die mir Halt bietet, ohne zur Katastrophe für die Menschen um mich herum oder mich selbst zu werden. Ich habe es geschafft, obwohl ich der größte Idiot bin, den ich kenne. Also kannst du es auch.

Bleib stark.

  1. Artikel: Why are men more likely to die from cancer?
  2. Artikel: Why are men so violent?
  3. Artikel: Warum Amokläufer meist junge Männer sind
  4. Jack Urwin – Boys don’t cry Hinweis: Das Buch ist witzig geschrieben, enthält einige gute Denkansätze, schießt aber am Ziel vorbei. Es sollte ein Buch für Männer werden, wurde aber ein Buch für Feminismus. Jack schreibt selbst, dass sein Buch vermutlich nichts anderes ist als „preaching to the choir“