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Mobbing ist das schwarz brodelnde Gift, welches an den Rissen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens an die Oberfläche quillt. Diese nach Schwefel riechende Galle beweist, dass hinter unseren gepflegten und gewahrten Fassaden, immer noch eine hässliche Fratze lauert. In der aktuellen Folge von Emotional Trash Talk sprechen Rene und ich über die Dynamik von Mobbing, unsere eigenen Erfahrungen und was man in Zeiten von Facebook und Instagram noch gegen Mobbing tun kann.

Was ist eigentlich Mobbing?

Egal, ob in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Privatleben, unterschiedliche Standpunkte und Sichtweisen sorgen dafür, dass es an Konfliktpotential nie mangeln wird. Zwar ist das für die Meisten unangenehm, doch besonders durch Streitigkeiten sind wir in der Lage uns weiterzuentwickeln. Das Spektrum der Auseinandersetzungen reicht hierbei von einem Streit über falsch gekaufte Streichwurst bis hin zu brennenden Mittelklasse-Wagen in der Hamburger Innenstadt. Was diese Konflikte dabei jedoch immer gemeinsam haben, ist die Machtverteilung. Sie ist immer so konstruiert, dass sich alle Parteien zur Wehr setzen können. Nicht so beim Mobbing.

Konflikte treten meist nur über einen kurzen Zeitraum auf. Mobbing wird hingegen als systematisches und wiederholendes Vorgehen beschrieben. Das Ziel der Täter ist die Dominanz über eine als schwächer angesehene Person, mit Hilfe von körperlicher und/oder seelischer Gewalt. Dabei beruht der Konflikt nicht auf  Meinungsverschiedenheiten, sondern auf einer unausgewogenen Verteilung von Macht und dem Drang, sich selbst aufzuwerten. Wenn Menschen also vorhandenes Ungleichgewicht nutzen, um durch Verletzen Anderer ihren Selbstwert aufzubauen, dann ist das Mobbing.

Geht es um das Quälen, dann sind der menschlichen Fantasie erschreckend wenig Grenzen gesetzt und so ist die Liste an Mobbing-Verhalten lang: Beleidigung, Verleumdung, Stalking, soziale Isolation, Drohung, Belästigung, Schikanen, etc.

Mobbing hat sich verändert

Obwohl die Dynamik von Mobbing unverändert blieb, hat sich sein Gesicht in den letzten Jahren drastisch verändert. Früher war es so, dass sich Täter und Opfer zwingend kennen mussten. Diese Notwendigkeit erlaubte es Mobbing-Fälle zu „lösen“, indem das Opfer die Schule oder den Arbeitsplatz wechselte. Die Anführungszeichen stehen, da dieses Vorgehen lediglich das Symptom behandelt und nicht das Problem löst. Hierzu aber weiter unten mehr.

Der Aufstieg von Social Media warf dieses grundlegende Gesetz komplett um und das nicht zwingend zum Guten. Mittlerweile werden im Internet Menschen auch von Personen gemobbt, denen sie noch nie zuvor begegnet sind. Diese fehlende Beziehung zum Täter macht es Opfern unmöglich aus ihrer Situation zu entfliehen. Eine der ersten Personen, die Zeugin wurde, wie sich so etwas anfühlt, war Monica Lewinsky. Zwar gab es zur Zeit der Lewinsky-Affäre noch kein Social Media, das Internet war aber schon in seinen Kindertagen ein abartiges Monster. Über ihre Erfahrungen mit der Belästigung durch Fremde über das Internet berichtet Monica hier:

Das Internet erlaubt es uns weitestgehend anonym aufzutreten. Wir werden nicht anonym durch das Verstecken unseres Gesichts, sondern vielmehr durch das Untertauchen in der Masse an Usern. Social Media ist voller Fremder und nicht gekannt werden, ist fast so etwas wie anonym sein. So brechen auf Facebook und Co. soziale Kontrollmechanismen weg und Menschen lassen ihren inneren Tyrann ans Steuer. Die Folgen sind für Betroffene nicht immer so extrem wie bei Lewinsky, doch auch im kleinen Maßstab, kann der Schaden fatal sein: Vereinsamung, Depressionen, selbstverletzendes Verhalten, Suizid.

Wenn aus Opfern Täter werden

Wir mögen unsere Welt fein säuberlich in Schwarz und Weiß sortiert. Dazu gehört auch, dass es einen eindeutigen Täter und ein klares Opfer gibt. Erster wird bestraft, letzterer wird beschützt und damit ist das Problem gelöst. Emotional haben wir auch schon alle Antworten parat, denn der Täter verdient unseren Hass, das Opfer unser Mitleid. Einfache Erklärungen, die ebenso falsch, wie gefährlich sind.

Falsch, weil es nie einfache Lösungen auf komplexe Probleme geben wird. Gefährlich, weil sich diese überemotionalisierte Betrachtungsweise lediglich auf die Symptome stürzt, nicht aber auf die Ursachen. Der Drang nach Macht und Aufwertung ist wesentlich komplizierter und mit obiger Sicht können wir dem nicht entgegen treten.  Wenn wir unsere Perspektive jedoch ändern, dann können wir nicht nur die Ursachen für Mobbing sehen, sondern auch über eine Lösung sprechen. Die neue Perspektive bewegt sich weg vom Betroffenen, hin zu einer neutralen Draufsicht:

Im einfachen Fall gibt es ein Opfer, welches eine Eigenschaft besitzt, die von Mobbern als Schwäche interpretiert wird. Zu dick, zu dünn, zu schiefe Nase, zu anders als der Rest, zu schwach sich zu wehren, die Liste könnte man ewig weiterführen. Wie das Blut im Ozean lockt diese „Schwäche“ die Haie an und fungiert als sogenannter Pull-Faktor. Der Täter wird durch die Schwäche vom Opfer angezogen. Dieser Faktor erklärt jedoch nicht, wieso Täter überhaupt zum Täter geworden sind, das übernimmt der Push-Faktor, der außerhalb von Täter und Opfer existiert.

Bei Mobbing geht es darum, andere Menschen durch Dominanz herabzusetzen, um sich selbst aufzuwerten. Aber woher kommt der Drang sich selbst aufzuwerten? Die Ursprünge eines solchen Dranges finden sich außerhalb der Mobbing-Situation. Im Mobbing-Fall mag der Mobber zwar der Täter sein, in anderen sozialen Gruppen könnte er aber ebenso gut ein Opfer sein. Die Klassiker sind fehlende Wertschätzung und/oder Gewalt im Elternhaus, gesellschaftlicher Druck, Opferrolle in anderen Gruppen.

Laut Machiavelli sind Menschen weder ausschließlich gut, noch ausschließlich böse. Dies lässt sich gut beobachten, wenn man dabei zuschaut wie aus Opfern Täter werden. Ein gutes Beispiel hierfür bin ich selbst. Als ich 16 Jahre alt war, gehört ich zwar zur „coolen“ Gruppe meiner Klasse, durch mein leichtes Übergewicht war ich jedoch beliebte Zielscheibe meiner Freunde. Diese Situation war eher soziales Statusgerangel als Mobbing, dennoch tat es weh. Statt meinen Schmerz zu teilen und zu verarbeiten, fühlte ich mich herabgesetzt und machtlos. In mir wuchs das Verlangen danach mich selbst aufzuwerten und so begann ich andere andere Menschen durch beleidigendes Verhalten herabzusetzen. Meine Erfahrung sowohl als Opfer als auch als Täter sind glücklicherweise gering und vergleichsweise harmlos, doch die Dynamik war erschreckend. Als mir dies einige Jahre später bewusst wurde, fühlte ich mir gegenüber nicht viel mehr als Verachtung.

Die Moral von Mobbing

Der Zweck dieser Ausführung ist nicht, Täter in moralischen Schutz zu nehmen. Jeder Mensch trägt die Verantwortung für sein Leben und seine Taten, egal welche Umstände ihn antreiben. Moral kann niemals relativ sein und egal welche Vergangenheit erlebt wurde, wer verletzt und herabwürdigt, der handelt immer falsch. Das ist zu verurteilen. Die Suche nach einem Schuldigen bei Mobbing ist jedoch trivial (Spoiler: Schuld ist immer der Täter) und wird niemals das Problem lösen können.

Die notwendige Konsequenz von sozial destruktivem Verhalten ist Bestrafung. Diese Bestrafung ist auch im Fall von Mobbing wichtig, doch wie kann diese Strafe aussehen? Versteifen wir uns auf die Idee den Täter als entmenschlichte Bestie zu sehen und fordern drakonische Strafen? Fangen wir an den Täter spüren zu lassen, wie es sich anfühlt gemobbt zu werden?

Die Auge-um-Auge-Gerechtigkeit ist der Klassiker. Erfunden irgendwann im Mittelalter, sorgte sie für starke Absatzsteigerungen von Mistgabeln und Fackeln und gleichzeitig begründete sie den damals boomenden Markt der Lynchjustiz. Nicht nur die Menschen im Mittelalter liebten Auge um Auge, das Internet tut es auch. Doch egal ob drakonische Strafen durch unser Rechtssystem oder durch den Lynchmob aus dem Internet – das Problem wird in vielen Fällen lediglich verstärkt. Eine Strafe muss ohne Frage abschrecken, unangenehm für den Täter sein, aber gleichzeitig auch eine Veränderung in ihm anstoßen. Man kann einen Tyrann durch größere Macht einfach umstürzen, ihn aber nie zur Veränderung bewegen.

Um dies zu erreichen, wurden verschiedene pädagogische Konzepte entwickelt. Eine interessante Idee ist, den Täter aus seiner eigenen Opfer-Spirale zu befreien, sodass der Drang nach Herabwürdigung verschwindet. Mehr Informationen zu diesem sogenannten „No Blame Approach“ gibt es hier. Sowohl Rene, als auch mir fehlen die pädagogischen Kompetenzen, um solche Konzepte zu bewerten. Jedoch glauben wir Beide, dass unser herkömmlicher Umgang mit Tätern nicht den Erfolg bringt, den wir uns versprechen und hier definitiv Redebedarf herrscht.

Die gesellschaftlichen Verantwortung gegenüber Cybermobbing

Es ist wichtig, über Lösungskonzepte von Mobbing an Schulen und am Arbeitsplatz zu diskutieren. Doch alle Erfolge auf diesen Gebieten, werden im Internet wenig nützen. Cybermobbing geschieht meist anonym. Die Beziehung zwischen Täter und Opfer fehlt und so greifen die bisherigen Ideen ins Leere. Viel schwerwiegender ist das Versagen der Exit-Strategie im Internet, da wir unsere digitale Identität nicht einfach, wie die Schule oder den Arbeitsplatz, wechseln können.

Die Datenlage zu Cybermobbing ist ernüchternd. So gibt die JIM-Studie 2016  unter dem Punkt „Mobbing im Internet“ (S.49) an, dass in der Altersgruppe zwischen 12 und 19 jeder Dritte in seinem Bekanntenkreis einmal mitbekommen hat, wie jemand digital „fertig gemacht wurde“. Dass dies jedoch nicht unbedingt das ist, was unter Cybermobbing oder Mobbing allgemein verstanden wird, merken die Autoren der Studie selbst an. In einer Studie der TU-Berlin wurde herausgefunden, dass 73,3% der Schüler einer Realschule mitbekommen haben, wie jemand von Cybermobbing betroffen war. Die Aussagekraft der Studie leidet an ihrem Alter (erhoben 2011) und der geringen Anzahl der Befragten (30 Schüler). Eine 2015 veröffentlichte Studie von Cyberbullying gibt an, dass 34,4% der Schüler zwischen 11 und 15 schon einmal das Opfer von Cybermobbing gewesen sind.

Die Studien sind alle nicht unbedingt zufriedenstellend, doch eigentlich braucht es kein Genie, um zu erkennen, wie hilflos wir bei Mobbing im Internet sind. Bisherige Strategien funktionieren nicht mehr – Zeit neue Wege auszutesten. Einer dieser Wege wäre es zu verstehen, wieso aus Opfern Täter werden. Dieses Wissen würde es uns erlauben genau das zu verhindern und mit weniger Tätern, gäbe es auch weniger Mobbing, offline und online.

Dieser Ansatz ist langwierig, kompliziert und somit alles andere als sexy. Unsere Herausforderung als Gesellschaft heißt digitaler Wandel und Social Media und auch wenn Cybermobbing uns vor eine Herausforderung stellt, erlaubt es uns diese, daran zu wachsen. Da nun nur noch die Lösung der zugrunde liegenden Probleme helfen kann, könnten wir endlich anfangen uns auf sie zu konzentrieren, statt nur Symptome zu behandeln.

Natürlich dauert es eine ganze Weile, bis wir eine Kultur geschaffen haben, in der sich Menschen nicht mehr systematisch herabwürdigen. Vielleicht ist das auch eine utopische Vorstellung und der Drang zur Macht über Andere wird immer siegen. Wie es auch sein mag, wichtig ist, dass wir Opfern nicht nur unser Ohr, sondern auch unsere Unterstützung schenken.

Was tun als Opfer?

Wenn du unter Mobbing oder Cybermobbing leidest:

1.) Es ist keine Schande gemobbt zu werden und die Machtkomplexe und Defizite Anderer bestimmen nicht deinen Wert als Menschen.

2.) Vertraue dich jemanden an, der dir helfen kann. Sprich mit Lehrern, Vertrauenslehrern, Vorgesetzten und/oder Eltern. Wenn du unter ungleich verteilter Macht leidest, kannst du aus dieser kaum allein herausbrechen, deshalb ist Hilfe hierbei so entscheidend. Wenn du dich jemandem in der Schule oder bei der Arbeit öffnest und dieser dich nicht ernst nimmt, dann gehe eine Stufe höher (Lehrer > Vertrauenslehrer > Direktor > Schulverwaltung > etc.) bis dich jemand ernst nimmt. Falls du Angst vor diesem Schritt hast, kannst du dich auch erst einmal online an das Bündnis gegen Cybermobbing oder die Telefonseelsorge wenden.