Es gibt zwei Menschen auf der Welt die es interessiert, ob dein Leben ungerecht ist: Dich und deine Mutter. Abseits von diesem sehr überschaubaren Personenkreis, kümmert das niemanden. Schwer, das den anderen Menschen zu verübeln, sind sie doch damit beschäftigt, sich über ihr eigenes ungerechtes Leben zu beklagen. Die gute Nachricht: Das ist gar nicht so scheiße, wie es auf den ersten Blick scheint.

„Gerechtigkeit“ ist der Evergreen der Philosophie und jeden Ethik-Unterrichts. Seit Menschen den Fragen ihrer Existenz tief in die Augen starrten, keimte in ihnen die Frage nach einer „gerechten“ Lebensweise. Mit den Denkern der Aufklärung im 18. Jahrhundert rückte Gerechtigkeit weg vom Privaten, hin zum Politischen. Tausende Jahre Monarchie und Tyrannei nisteten ihnen im Rückenmark und wie man zu einer gerechteren Gesellschaft wird.

Kaum eine andere Frage prägte unser heutiges Leben in einer freien Demokratie ähnlich stark. Ohne sie würden wir mit schlechter Mundhygiene auf einem Feld Kartoffeln anbauen, in der Hoffnung, dass unsere 12 Kinder davon satt werden, statt die Kartoffeln einfach bei Amazon Fresh zu bestellen. Doch irgendwie haben wir nie eine wirkliche Antwort finden können und ich gehe sogar so weit zu sagen, dass die Suche danach uns an unserer persönlichen Weiterentwicklung hindern kann.

Die zwei Gesichter der Gerechtigkeit

Gerechtigkeit ist nicht gleich Gerechtigkeit. Die geläufigste Verwendung dieses Begriffs erfolgt im Zusammenhang mit unserem sozialen Zusammenleben. Diese Gerechtigkeit ist es, die in politischen und kulturellen Debatten diskutiert wird und die sich um ein faires Miteinander zwischen den Menschen dreht. Die andere – eher abstrakte – Form der Gerechtigkeit ist die, die wir zwischen uns und unserem Leben sehen, mit all seinen Ereignissen.

Die erste Form beschrieb Epikur schon für vor über zweitausend Jahren in wenigen Sätzen. Er sah sie als einen unsichtbaren Vertrag zwischen zwei Menschen, bei dem beide die Absicht haben, keinen Schaden voneinander zu nehmen. 

Epikur

In so einer Gesellschaft zu leben, hat unbestreitbare Vorteile. Selbst die größte soziale Ungerechtigkeit in unserem Land ist ein Fliegenschiss im Vergleich zu dem Alltag den Kindersoldaten im Kongo erleben müssen. Uns geht es gut und insgesamt leben wir alle ein sicheres Leben. Ohne die Debatten um soziale Gerechtigkeit würde unsere Welt vermutlich sehr anders aussehen, doch diese Diskussionen haben auch ihre Schattenseiten:

Wir haben uns so sehr an soziale Gerechtigkeit gewöhnt, dass wir sie auch zwischen uns und dem Leben einfordern.

Wir haben keine Ahnung davon, was Gerechtigkeit bedeutet

Unser Vorstellung der Welt ist recht einfach: Wir bemühen uns, gute Menschen zu sein und im Gegenzug geschieht uns Gutes. Hat im Kindergarten geklappt, wieso also nicht auch im echten Leben?

Leider hat das Leben kein sonderlich großes Interesse an deinen Bedürfnissen ihm gegenüber und so kommt es, wie es kommen muss: Du schlägst auf dem harten Boden der Realität auf und brichst dir dabei dein Herz.

Dein Herz bricht nicht durch die Wucht des Aufpralls, vielmehr durch die Enttäuschung deiner Erwartungen. Der Kampf für soziale Gerechtigkeit ist ein wichtiger Aspekt unserer Gesellschaft, doch auch die Verdammnis für unsere Persönlichkeit.

Ein Problem ist, dass wir keine Ahnung haben, was Gerechtigkeit zwischen uns und unserem Leben überhaupt bedeuten soll. Wir erleben unsere Geschichten aus der Ich-Perspektive und können die Welt um uns herum kaum ergründen. Das Leben zeigt sich in voller Pracht, doch die Komplexität der Zusammenhänge übersteigt unseren Verstand. Ein Narrativ muss her, dass uns die Welt erklärt.

Da wir nur unsere eigene Sicht auf die Dinge kennen können, müssen wir zwangsläufig glauben, dass Dinge dann gerecht sind, wenn sie uns gut tun. Wir schwingen uns zum Richter auf und sprechen ein Urteil, ohne jemals alle Seiten einer Sache beleuchten zu können. Absurd, oder?

Du und ich, wir glauben, dass unsere guten Taten unsere schlechten überwiegen. Natürlich fühlen wir uns vom Leben betrogen, wenn es uns als Dank einen Scheiße-Smoothie zum Abendessen serviert. Zwar sind wir keine 1,40m mehr, doch viel mehr Unterschiede zu den Kindern die wir mal waren, gibt es trotzdem nicht.

Der Welt ist es egal

„Halt Stop! Meine Vorstellung von Gerechtigkeit soll verzerrt sein? Du kennst mich gar nicht, wie kannst du so über mich reden, du Vollidiot!“ Verständliche Reaktion, doch lass uns mal ein Gedankenspiel eingehen:

Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder passiert in unserem Leben alles aus dem Zufall heraus oder wir sind an ein vorgeschriebenes Schicksal gebunden.

 

Egal, welche Vorstellung der Welt dich Nachts besser schlafen lässt: In keiner von beiden existiert das Recht auf Gerechtigkeit zwischen dir und deinem Leben.

Die Folge von Festhalten an Gerechtigkeit

Die Vorstellung vom Leben als etwas, dass gerecht sein muss, hindert uns an unserem Wachstum. Denn statt uns darauf zu konzentrieren, an dem zu wachsen, was uns vor die Füße geworfen wird, scheitern wir an unserem eigenen Selbstmitleid. 

Wir sind der Welt egal, doch das ändert wenig, denn es ist schon immer so gewesen. Allein der Glaube, dass es anders sein müsste, ist es, was uns zurückhält. Die Enttäuschung über das Leben zieht uns in die dunklen Spiralen des Verstandes. Ohne Gerechtigkeit glauben wir nicht mehr daran, selbst gerecht sein zu müssen oder nach einem besseren Leben zu streben.

Aus dem Festhalten an der Idee eines gerechten Lebens, wächst Zorn der dich mit der Zeit von innen zerfressen wird. Stück für Stück trübt er deine Sicht auf die Welt, bis das Licht der Sonne zu einer vagen Erinnerung verkommen ist . Statt zu lernen die Welt zu sehen, wie sie ist und ein glückliches Leben zu führen, verlierst du dich in deinen negativen Gefühlen.

Du wirst stehen bleiben, dich umsehen und beginnen dir quälende Fragen zu stellen. „Warum ich?“

Früher oder später wird dich diese Frage zu der Idee bringen, dass dein Problem dein Schmerz sei. Doch da Schmerz zum Leben dazugehört, würde das bedeuten, dass dein Leben dein Problem sei. Die harte Wahrheit die du schlucken musst ist aber, dass dein Unvermögen deinen Schmerz zu akzeptieren dein wahres Problem ist. Du leidest, du tobst und rüttelst an dieser verdammten Frage. „Warum ich? Warum ist die Welt so ungerecht zu mir?“

Du stellst dir Fragen, auf die es keine Antwort geben kann und fällst somit in eine mentale Endlosschleife.

Marc Aurel sagt in seinen Selbstbetrachtungen, das Leben sei mehr Schwertkampf als Tanz. Wenn wir selbstmitleidig nach dem „Warum?“ unseres Leids fragen, sind wir weder für das eine noch für das andere zu gebrauchen. Statt zu kämpfen, sitzen wir verzweifelt am Rand und lassen unser Leben an uns vorbeiziehen.

Ausweg

Jeder Schmerz ist eine Möglichkeit an ihm zu wachsen. Wenn deine bisherige Vorstellung des Lebens eine Lüge war, dann hast du nun die Chance deine eigene Vorstellung niederzuschreiben und nach ihnen zu leben.

Suche deinen eigenen Sinn in der Welt. Finde zu Gott, glaube an das Schicksal oder unterwirf dich der kalten Logik des Zufalls. Der Weg ist egal, wichtig ist nur dein Ziel: Die Akzeptanz des Lebens so wie es sich dir präsentiert.

Vermutlich war kein zweiter Mensch so wütend wie Friedrich Nietzsche. Vielleicht war es seine Wut, die ihn zu der wahnsinnigen Idee brachte, wir müssten das Schicksal – egal was es bereithalten würde – lieben lernen. Er nannte es Amor Fati (lat: Liebe zum Schicksal).

Amor Fati wurde bereits von den antiken Philosophen der Stoa gedacht, von ihm aber endlich in Worte gefasst. Es mag wie die ultimative Kapitulation vor dem Leben wirken. Wir können nicht siegen, also fügen wir uns lieber der unbezwingbaren Kraft. Doch wenn wir nicht siegen können und es nie konnten, wieso überhaupt kämpfen? Statt die Last unserer Rüstung in eine Schlacht zu tragen, die nicht gewinnbar ist, können wir die schweren Eisenplatten abwerfen und lernen den Weg zu genießen.

Die Idee sein Schicksal bedingungslos zu akzeptieren, hat weder etwas mit Lethargie, noch mit naivem Disney-Optimismus zu tun. Wieder einmal muss ich mir Worte von einem Menschen ausleihen, der wesentlich schlauer war als ich es jemals sein werde:

Marc Aurel vergleicht unsere Existenz in seinen Selbstbetrachtungen mit einem Feuer. Wir müssen die Dinge, die uns passieren, uns als Stoff vorstellen, der unsere Existenz antreibt. Das Schicksal kann uns trockenes Brennholz entgegenwerfen oder einen geklauten Einkaufswagen von Edeka. Wenn deine Seele stark genug brennt, wirst du beides nehmen und danach noch stärker brennen. Ob unsere Flamme erstickt, hängt von der Stärker unserer Flamme ab. 

Sein Schicksal zu lieben ist ein bisschen wie ein neugeborenes Baby zu haben, dass niemals älter als eine Woche wird. Es erfordert ständige Aufmerksamkeit und wird dich an den Rand der Verzweiflung treiben. Doch der Lohn ist die Akzeptanz unseres Lebens. Die Alternative jedoch, in den Abgrund zu starren, bis unser Zorn uns zerfressen hat.

Frage nicht „Warum ich?“ Finde einen Weg wie du so stark brennen kannst, dass nichts deine Flammen ersticken kann. Der Weg dahin ist simpel, seine Beschreiten aber fast unmöglich. Akzeptiere dein Leben als das was es ist. Finde die Gerechtigkeit die du so verzweifelst suchst in deinem Handeln und kreiere deine Welt. Lass los. Atme.