Pass auf, ich weiß du glaubst die Antworten auf dein Leben, irgendwo im Internet zu finden. Wieso solltest du auch nicht? Lebensentwürfe und gute Ratschläge sind heutzutage Ramschware, die du überall hinterher geschmissen bekommst. Wenn es aber nur ein paar Mausklicks braucht, um ein gutes Leben zu führen, wieso tun es dann nicht alle? Hier kommt der rostige Haken:

Es sind so viele Ideen, dass niemand mehr weiß, welche davon die richtigen sind.

Angenommen die Antworten auf all unsere Fragen, wären wirklich in den tausenden Büchern und Blogs zu finden. Wer hätte schon die Zeit das alles zu lesen? Also tun wir das, was jeder vernünftige Mensch machen würde. Wir suchen nur so lange, bis wir eine Antwort haben, die uns halbwegs sinnvoll erscheint. Das nennt man dann die make sense stopping rule.¹ 

Jetzt steckst du in einem Dilemma. Die vorgekaute Lebensphilosophie eines Anderen wird dir nicht weiterhelfen können, doch Weitersuchen ist keine Option. Denn vielleicht hast du die Wahrheit nicht gefunden, doch wenigstens etwas, an das du glauben kannst. Immerhin ein Trost.

Wer an seine Lebensweisheiten glaubt, der ist auch bereit, für sie in den Krieg zu ziehen. Dies ist notwendig, denn andere Ansichten und Ideen, gefährden die Eigenen. Man würde meinen, dass wir alte und falsche Ideen bereitwillig gegen Neue tauschen würde. Schließich geht es um ein besseres Leben. Doch seine Meinung zu ändern, bedeutet immer Unsicherheit vor dem was kommt. Also ist die einzige Möglichkeit die bleibt, Angriff.

Dass solche Konflikte idiotisch sind, lässt sich nirgends besser beobachten als beim Streit zwischen Selbstakzeptanz und Selbstoptimierung. Während die einen sagen, alles was es braucht ist, sich zu akzeptieren, behaupten die anderen, dass du endlich aufhören musst so erbärmlich durchschnittlich zu sein. Beide Seiten halten ihre Ideale für unvereinbar, ich denke jedoch, dass genau in dem Mittelweg zwischen ihnen der Weg zu einem besseren Leben liegt.

Silicon Valley vs. Yoga-Studio

Früher war alles ein wenig einfacher. Du hast dein Ding gemacht, warst damit mehr oder weniger zufrieden und dann bist du gestorben. Niemand hatte eine großartige Chance den Lauf seines Lebens zu beeinflussen. Nicht unbedingt fair, ließ uns alle aber weitaus besser schlafen.

Vor 10 Jahren wurde dann alles irgendwie anders. Selbsterklärte Halbgötter zogen aus dem Silicon Valley in die Welt und predigten von ihrem Weg zum Übermenschen. Plötzlich gab es an jeder Ecke Lifehacks, Post Workout Meals und die „10 Killer-Gewohnheiten ultra-erfolgreicher Enterpreneure“. Ihre Geschichte war simpel und verführerisch: Alles ist möglich, solange du deinen faulen Arsch optimierst.

Nennen wir diese Strömung mal die Optimierer.

Glück und ein zufriedenes Leben ist für die Optimierer lediglich ein Abfallprodukt. Ihr eigentliches Ziel ist sexy, amerikanisch und lässt sich gut verkaufen: Erfolg.

Doch nicht jeder Mensch kann erfolgreich sein (Ziemliche Enttäuschung, ich weiß).

Druck und Hitze zerbrechen mehr Existenzen, als dass sie Diamanten schaffen. Die knallharte Logik der Optimierer sagt dir nicht nur, dass du abliefern musst, sondern, dass du auch selbst Schuld bist, wenn du dein persönliches Glück nicht gefunden hast. Sei halt kein Versager.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Wahnsinn eine Gegenbewegung erschuf. Der Widerstand nannte sich die Idee der Selbstakzeptanz. Er predigte das Annehmen des eigenen Charakters, genauso wie er ist. Die Anführer sind junge Frauen in Yoga Pants, die Wörter wie „Glow“ und „Grünkohl-Smoothie“ lieben. Ihre Geschichte ist simpel und verführerisch: Dein Leben ist schon perfekt, du musst nur lernen deine Schönheit zu sehen.

Nennen wir diese Strömung mal die Akzeptierer.

Erfolg ist für die Akzeptierer lediglich ein Abfallprodukt. Ihr eigentliches Ziel ist schwer greifbar, amerikanisch und lässt sich gut verkaufen: ein gutes Gefühl für alle.

Doch nicht jede Eigenschaft an dir verdient Akzeptanz (Ziemliche Enttäuschung, ich weiß).

Die Idee der Akzeptierer bringt dich ebenso wenig weiter, wie die Idee der Optimierer. Ein gutes Gefühl in der Bauchgegend bringt dir halt wenig, wenn dein Leben in Flammen steht.

Keine der beiden Seiten hat die Antworten, die du und ich suchen. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht gute Ansätze bieten würden, die du zu einem Mittelweg fusionieren solltest. Richtig gelesen, du sollst diese beiden absolut widersprüchlichen Ideen nehmen und daraus eine neue bauen.

Was ist eigentlich dein scheiß Problem, Marcel?

Ich weiß, dass mein Vorschlag wie purer Wahnsinn klingt.

Was ist bitte der Mittelweg zwischen Akzeptieren und Optimieren?

Wieso sollte ich etwas verbessern, wenn ich es doch akzeptiert habe??

WIE SOLL ICH ETWAS AKZEPTIEREN, WENN ICH ES DOCH VERBESSERN SOLL??!

Wieso Selbstoptimierung

Selbstoptimierung ist nichts anderes, als die Idee sich persönlich weiterzuentwickeln. Das einzig Neue daran ist die Intensität, die von einigen Persönlichkeiten angepriesen wird. Auch wenn knallharte Optimierung übertrieben ist, Weiterentwicklung ist es nicht. Im Gegenteil, sie ist sogar ein Grundbestandteil eines glücklichen Lebens.

Bullshit! Der schnellste Weg unglücklich zu sein, ist sich selbst nicht zu akzeptieren!

Der römische Philosoph Seneca schrieb in seinem Buch De vita beataüber die Kunst des glücklichen Lebens. Statt Kalendersprüchen und feel good-Phrasen eröffnete er seinen Lesern die knallharte Realität. Es ist verdammt schwer ein erfülltes Leben zu führen und der einzige Weg dahin, wäre es Weisheit zu erlangen. Okay alter Mann, wie werde ich weise?

Seine Idee war, dass der Mensch ständig danach streben muss, tugendhaft zu werden. Dies kann ihm nur dann gelingen, wenn er ständig bemüht ist, zu lernen. Aus Wissen wachsen Tugenden, aus Tugenden Weisheit und die Weisheit bringt dir dein Glück. Simples Konzept, wie viele Gedanken der Stoiker aber fast unmöglich umzusetzen.

Wieso sollte ich auf einen Typen hören, der seit über zweitausend Jahren tot ist?

Die Kunst des glücklichen Lebens beschäftigt heutzutage nicht nur Philosophen, sondern auch Psychologen. Der relativ neue Zweig der Positiven Psychologie beschäftigt sich ausschließlich mit dem menschlichen Wohlbefinden. Ihr Ergebnis: Wir Menschen müssen persönlich wachsen, um ein zufriedenes Leben zu führen.²

Ernsthaft Marcel? Erst ein toter alter Typ,  jetzt ein Haufen Hippies in Laborkitteln? Was kommt als nächstes, Faktastisch?

Wieso sollte uns aber Weiterentwicklung glücklicher machen? Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn du sie von der anderen Seite aus betrachtest: Wieso macht es dich unglücklich, wenn du dich nicht weiterentwickelst?

Evolution, Baby!

Stell dir zwei Höhlenmenschen vor. Ziemlich behaart, Mundgeruch und eine Lebenserwartung von ungefähr 30 Jahren. Nennen wir diese zwei Exemplare einfach mal Bob und Charles. Beide leben im selben Clan, nicken sich freundschaftlich zu wenn sie sich begegnen und führen im Prinzip das gleiche Leben. Bis auf einen kleinen Unterschied.

Durch eine zufällige Mutation hat sich in Bobs Gehirn ein Prozess entwickelt, der ihm ein schlechtes Gefühl gibt, wenn er nicht experimentiert. Während Charles in seiner Freizeit gegorene Früchte isst, um dem Alltag zu entfliehen, zieht Bob los und versucht aus Holz und Steinen etwas zu erschaffen. Er weiß nicht was er da tut und auch nicht wieso. Alles was ihn antreibt, ist sein angeborener Instinkt.

Wessen Gene sind nun besser an die Umwelt angepasst und werden stärker in der nachfolgenden Generation auftreten? Die von Charles, der schon vor 30.000 Jahren gelernt hat was das Wort „Kater“ bedeutet, oder die von Bob, der sich ständig weiterbildet?

Bobs Vorteil gegenüber Charles liegt klar auf der Hand. Egal wie klein der Unterschied damals gewesen sein mag, über unzählige Generationen war er es, der über Leben und Tod entschieden hat. Heute verdanken wir es Menschen wie Bob, dass unser Gehirn darauf programmiert ist, nach Weiterentwicklung zu verlangen.

Danke Bob!

Ich habe es oben schon gesagt: Zwischen Weiterentwicklung und krankhafter Selbstoptimierung liegen Welten. Zu glauben, wir müssten alle Bereiche unseres Lebens so effizient wie möglich gestalten, ist pure Unsicherheit und Wahnsinn. Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Felder gibt, in denen du dich zusammenreißen solltest und die du zum Positiven verändern kannst. Die Klassiker sind:

 

Wieso Selbstakzeptanz?

Zwanghafte Selbstoptimierung ist ein ziemlich effizienter Weg, das eigene Leben in Schutt und Asche zu verwandeln. Wenn du ständig Raum zur Verbesserung siehst, dann passiert es schnell, dass du auf einer Art hedonistischer Tretmühle landest. Sobald du ein neues Level erreicht hast, siehst du nicht was du geschafft hast, sondern nur, was du noch nicht hast. Statt Erfüllung findest du nur noch mehr Schmerz und schneller rennen erscheint dir als einzige Antwort auf dieses Dilemma.

Der Psychiater Daniel Hell beschreibt es sehr treffend:³

Heute sind wir vermehrt kleine Ich-AGs, in denen wir zugleich Angestellter, Chef und Produkt sind. Die Gefahr besteht, dass wir uns dabei selbst ausbeuten und immer schön lächeln. Auf die Tyrannei des Über-Ichs folgte eine Diktatur des Ich-Ideals. Daniel Hell

Bullshit! Wer etwas will, der muss kämpfen und aufhören rumzuheulen!

Erinnerst du dich noch an die Hippies im Laborkittel von weiter oben? In ihren Studien haben sie nicht nur herausgefunden, dass Menschen persönlich wachsen müssen, um glücklich zu sein. Ein weiterer Faktor (neben vielen Anderen) ist, dass sie auch lernen müssen, sich zu akzeptieren.

Der Grund hierfür ist simpel. Selbstakzeptanz fördert das Selbstbewusstsein, eine entscheidende Komponente eines zufriedenen Leben. Während sich Selbstbewusstsein auf die Stärken konzentriert, hält ihm Selbstakzeptanz den Rücken frei und verteidigt es vor den persönlichen Schwächen. Unsere Fehler verlieren durch Akzeptanz ihre Macht.

Der sicherste Weg immer schwach zu bleiben, ist seine Schwächen zu akzeptieren!

Du solltest deine Schwächen kennen, doch abseits davon gibt es keinen Grund, sich weiter mit ihnen zu befassen. Nicht jeder Mensch kann alles werden, wenn er groß ist. Das erzählen wir nur Kindern, weil die Wahrheit leider ziemlich unangenehm und schwer zu erklären ist. Doch wer seine Schwächen akzeptiert, kann damit beginnen, sich auf seine Stärken zu konzentrieren. Nur so kannst du das Potential deines Lebens wirklich ausschöpfen.

Klingt wie eine todsichere Strategie zum Verlieren.

Ich verstehe deine Einwände, ich habe lange Zeit genauso gedacht. Doch ich verrate dir etwas, was ich schmerzhaft lernen musste:

Zu versuchen seine Schwächen wegzuoptimieren, ist weder klug, noch stark. Es ist naiv, egozentrisch und vor Allem ein Zeugnis wahrer Schwäche. Werd erwachsen.

Egal wie unangenehm es sein sollte, nur die Akzeptanz deiner Selbst, erlaubt es dir, deine Zeit und Energie wirklich effizient zu nutzen. Wenn du es so siehst, ist Akzeptanz nicht Anderes als Weiterentwicklung.

Über Selbstakzeptanz könnte man ganze Bücher schreiben (was viele Leute getan haben), doch hier ein paar oberflächliche Ratschläge, die mir dabei geholfen haben:

 

Der Mittelweg

Ein wirklich erfülltes Leben wirst du nur dann finden können, wenn du auf beiden Hochzeiten tanzt. Klingt unnötig kompliziert, bringt dir aber doppelt so viel Kuchen.

Die Gefahr von Selbstoptimierung ist nicht die Idee sich weiterzuentwickeln, sondern eine falsche Motivation. Wenn du dich entwickeln willst, weil du glaubst, dass du zum jetzigen Zeitpunkt ein Versager bist, den niemand lieben kann, dann hast du ein Problem. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sich diese Gedanken in deinem Kopf unheimlich logisch anhören, aber glaub mir: Sie bringen dir nur Schmerz.

Eigentlich ist es ganz einfach (okay, es ist nie ganz einfach):

Wenn du dich entwickelst, weil du glaubst nicht gut genug zu sein, dann ist deine Motivation die Erwartungshaltung anderer an dich. Der sicherste Weg in die eigene Lebenskrise.

Ich glaube nicht an Motivation, bleiben wir der Einfachheit halber aber mal bei dem Begriff. Gute Motivation ist kein Push- sondern ein Pull-Faktor. Wenn dich deine Unzufriedenheit mit dir selbst pusht dann ist das schlecht. Wenn du aber fühlst, dass deine Bestimmung, deine Aufgabe in der Welt dich pullt, dann ist das eine sehr gute Motivation. Auch hier gibt es Ausnahmen, doch in der Regel sind Pull-Faktoren ein Weg zu einem etwas besseren Leben.

Ein zufriedenes Leben findest du nicht in der Jagd nach Erfolg. Genauso wenig wird es dich glücklich machen dir ein gutes Bauchgefühl zu verschaffen. Der Mittelweg zwischen Selbstoptimierung und Selbstakzeptanz ist kein einfacher Tanz, doch was ist schon jemals einfach? Sieh dein Leben als Gemälde, das noch nicht ganz fertig ist. Hier und da gibt es noch Pinselstriche, die getan werden müssen, deswegen ist das Bild aber nicht weniger magisch.

 


1: Haidt, Jonathan: Happiness Hypothesis

2: https://www.psychologytoday.com/blog/theory-knowledge/201405/six-domains-psychological-well-being

3: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/macht-es-uns-depressiv-wenn-wir-immer-besser-werden-wollen

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