Im Leben haben wir alle eine simple Wahl. Akzeptieren, dass wir lediglich unsere Reaktion auf die Dinge kontrollieren können und niemals die Dinge selbst, oder unglücklich am Irrsinn der Welt verzweifeln. In dieser abschreckenden Realität gibt es einen Lichtblick, etwas das uns allen innewohnt: Die Fähigkeit zu vergeben.

Vergebung ist ziemlich unsexy und hat nicht unbedingt das beste Image. Die erste Assoziation die mir früher mit Vergebung in den Sinn kam, war das Christentum:

Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Gott will also, dass wir unseren Peinigern vergeben. Leider hatte ich immer so meine Probleme damit, an seine Existenz zu glauben. Die Idee, Menschen ihre Taten zu vergeben, erscheint veraltet, schwach und esoterisch. Dabei ist genau dies die mächtigste Waffe gegen unsere Dämonen.

In unseren Gehirnen gibt es eine klare Verteilung. 5% rationaler Verstand, 94% Unterbewusstsein und 1% Lyrics von „Last Christmas“. Unsere Dämonen machen es sich besonders gern in dem großen Teil bequem, der nicht von unserem rationalen Geist erreicht werden kann: Dem Unterbewusstsein.

Dort sind sie sicher vor reflektierenden Fragen, die sie eigentlich schnell entmachten würden. Sie ernähren sich von den irrationalen und automatisierten Gedanken unseres Gehirns. Wir nennen sie „Dämonen“, denn nur Dämonen können uns so quälen und nur sie können solch eine Macht über uns besitzen. Die Wahrheit ist jedoch, dass in uns keine Wesen der Hölle wohnen, sondern Parasiten. Unsere Dämonen sind nicht mehr als Tauben. Irrer Blick, ständig alles am vollkacken und wenn wir sie gewähren lassen, dann fallen sie wie eine Plage über uns her.

Ob nun Tauben, Dämonen, Geister aus der Vergangenheit: geboren werden sie in unserem Schmerz. Unsere Dämonen sind destruktive Gefühle wie Neid, Hass, Zorn, Wut, Rachsucht, Gier. Sie sind die Antwort des ältesten Teils unseres Gehirns auf das Leid, welches uns die Welt und die Menschen um uns herum zufügen. Doch was hat das mit Vergebung zu tun?

Schmerz als Teufelskreislauf

Niemand führt sein Leben ohne Schmerz. Du kannst betteln, bitten, schreien – wenn es an der Zeit ist, wird das Leben dir einen holzigen Splitter in das Auge deiner Existenz rammen. Was wirst du mit diesem Schmerz tun? Wirst du ihn widerwillig aufziehen, ihm einen Namen geben, Zuneigung für ihn empfinden, weil es in dem Moment das Leichteste ist? Oder wirst du ihn vielmehr nehmen, um ihn im Fluss zu ertränken und dabei zuschauen, wie er aus deinem Leben gespült wird?

Körperlicher Schmerz ist eine simple Angelegenheit. Du schneidest dir beim Kochen in die Finger und in dem Moment wo der kalte Stahl auf warmes Fleisch trifft, jagen elektrische Signale von der Wunde in unser Gehirn. Wenige Sekundenbruchteile später lässt du das Messer fallen und stößt vielleicht noch einen obszönen Fluch aus. Die Gefahr ist vorerst gebannt, die Wunde beginnt zu heilen und der Schmerz vergeht mit ihr. Er treibt auf dem Fluß unseres Lebens in die Vergangenheit.

Seelischer Schmerz ist da eine etwas andere Hausnummer. Wir lieben, wir vertrauen und deshalb können wir nicht anders als uns der Welt zu öffnen. Wer erwartet schon, dass das Leben dieses Vertrauen damit beantwortet, dass es mit seinen knochigen Fingern nach uns greift, um uns ein Stück unseres Herzens herauszureißen. Was zurückbleibt ist ein klaffendes Nichts, von dem ein rasender Schmerz in unsere Seele jagt. Unser Unterbewusstsein ist zur Stelle. Es hat über Millionen von Jahren Schutzstrategien genau für diesen Fall entwickelt. Es antwortet mit Gefühlen, die dazu gedacht sind, den Ursprung des Schmerzes zu vernichten und schlimmeres zu verhindern.

Wut und Hass legen sich wie ein Schutzfilm über unser Herz, Gier und Neid erklären dem Leben den Krieg. Es sind mächtige Gefühle: sie bringen Schutz und Vernichtung, doch bringen sie auch Heilung? Fragen wir doch mal die allwissende NONONONO Cat:

Destruktive Gefühle sind mächtig, weil Zerstörung eben auch eine Form von Herrschaft ist. Doch wenn sie unsere Sicht auf unsere Feinde lenken und unser Herz verschließen, dann können wir nicht heilen. Unsere Wunde bleibt offen, die Ränder fransen aus und der Schmerz wird bleiben. Die Gefühle wirken wie eine natürliche und gerechte Reaktion, doch in Wahrheit lassen sie uns unseren Schmerz wieder und wieder erleben. Ein Perpetuum Mobile des Wahnsinns.

Dämonen geben uns ein falsches Gefühl von Kontrolle über uns selbst. Sie sitzen uns im Nacken, im Herzen und im Verstand. Bei jedem Schritt, bei jedem Gedanken, bei jeder Emotion bellen sie uns zu, was wir zu tun, denken und fühlen haben. Alles Schöne in unserem Leben wird von Tag zu Tag mit immer mehr Scheiße bedeckt und doch sehen wir keinen Zusammenhang mit dem Gurren am Himmel.

Es gibt viele Techniken, die dabei helfen die Wunden zu versorgen. Dankbarkeit, Liebe, Demut, Mäßigung, doch die stärkste von allen bleibt Vergebung. Genug Metaphern rausgedroschen, wie soll gerade Vergebung helfen mit dem Schmerz der Welt fertig zu werden?

Vergebung ist die Superkraft der Normalsterblichen

Wir lieben Opfer. Nicht wie die Inkas, die hofften mit menschlichem Blut ihre Götter gütig zu stimmen, eher wie ein Kult der Überlegenheit. Opfer werden in unserer Gesellschaft mit moralische Privilegien versehen, die sie dann zu ihrem Vorteil in Diskussionen ausspielen können. Wer leidet, der ist eher im Recht. Statt Diskurs zu finden, drehen wir uns heutzutage oft um die Frage, wer eigentlich das größere Opfer irgendeines gesellschaftlichen Fehltritts ist. Nun ist Vergebung aber ein Prozess, an dessen Ende ein Opfer seinen Status der Schwäche verliert und somit auch seine moralische Oberhand in j. Für Menschen ist es verdammt schwierig Dinge zu verlieren (viel schwieriger als sie nicht zu besitzen), was es umso schwerer macht, heutzutage für mehr Vergebung zu plädieren.

Das wir die Begriffe „vergeben“, „verzeihen“ und „entschuldigen“ durcheinander werfen, so als ob es sich dabei um austauschbare Begriffe handeln würde, lässt die Verwirrung perfekt werden. Zeit das aus dem Weg zu räumen.

Wenn dich ein Mensch verletzt, dann nimmt er sich etwas, was ihm nicht zusteht. Er raubt dir dein Vertrauen an Menschen, deine Offenheit, deine Vorstellung von Gerechtigkeit, deine Idee von Liebe. Dieser Diebstahl erzeugt Schmerz und macht aus dir und ihm so etwas wie Geschäftspartner. Er hat dir etwas genommen, dementsprechend schuldet er es dir jetzt. Du bist ein unfreiwilliger Gläubiger, der Täter dein Schuldner. Ein Beispiel:

Seit meinem 1. Lebensjahr wurde ich von meinem Stiefvater großgezogen, ohne dass er oder ich jemals den Zweifel aufkommen lassen hätte, dass er nicht mein Vater sei. Nach der Scheidung von meiner Mutter (ich war 12) verschwand er allmählich aus meinem Leben. Seit meinem 14. Lebensjahr bestand der Kontakt zwischen ihm und mir aus 4 SMS. Er hat mir meine Idee von Familie gestohlen, er hat mich verletzt. Ich habe ihn gehasst und bis in meine 20er darunter gelitten. Was bedeutet nun verzeihen, entschuldigen, vergeben in diesem Zusammenhang?

Verzeihen: Ich sehe die Tat, doch nehme ihr die Ungerechtigkeit. Ich sehe die Wunde, doch beschließe sie zu vergessen. Die Tat verschwindet und somit auch das Schuldverhältnis. Das Verschwinden meines Stiefvaters verliert seinen Schmerz für mich, somit verschwindet auch die Schuld. Verzeihen hat keine Konsequenzen für den Täter.

Entschuldigen: Sowohl Tat als auch Schuld bleiben bestehen, jedoch wird die Tat erklärt und gleichzeitig damit ausgeglichen. Ich verstehe wieso mein Stiefvater mich verlassen hat, gleiche sein Unrecht aber mit Unrecht aus, das ihm passiert ist. Dabei spreche ich ihm die Verpflichtung ab, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Entschuldigen ist in schmerzhaften Konflikten der sichere Weg, weiter in seinen Zorn zu stürzen.

Vergebung: Die Tat bleibt, sie wird weder entschuldigt, noch verziehen. Ich beschließe jedoch nicht mehr zuzulassen, dass ein Schuldverhältnis besteht. Was mir genommen wurde, das will ich nicht mehr zurückhaben.  Ich lasse meinen Hass, meinen Zorn zusammen mit der Schuld los und löse mich so vom Täter. Die Last der Beziehung fällt von mir, der Täter behält jedoch im Gegensatz zur Verzeihung und Entschuldigung die Last seiner Tat.

Mein Stiefvater hat mir Unrecht getan und das Schuldverhältnis hatte die Wunde offen gehalten. Ständig erinnerte mich der daraus entwachsene Hass an den Schmerz und ich hatte keine Chance auf Heilung. Heute habe ich ihm Vergeben und damit unseren unsichtbaren Vertrag verbrannt. Ich habe mich davon frei gemacht, ihn zu hassen und habe so meinen Schmerz hinter mir lassen können.

Ich bin besonders und mein Schmerz kann niemals vergeben werden

Vergebung ist der Bizeps unserer Seele. Richtig trainiert, hilft sie uns dabei unsere Dämonen im Zaum zu halten. Viele Menschen sehen jedoch nicht die Notwendigkeit ihren Verstand in die mentale Muckibude zu schicken. Ihr Glaube, dass ihr Schmerz nicht vergeben werden kann, hält sie davon ab Vergebung zu lernen. Meine Überzeugung ist es, dass ein Schmerz nie zu groß sein wird und das jeder Mensch seine Dämonen hinter sich lassen kann. Was mich da so sicher macht?

Wie man dem Mörder seines Kindes vergibt

Im Jahr 2010 sorgte der Fall Mirco für bundesweites Aufsehen. Auf dem Heimweg von einem Skatepark verschwindet der zehnjährige Mirco Schlitter spurlos. Die Suche nach ihm entwickelt sich zu einer der Größten in Deutschland und die anschließende Morduntersuchung gilt als aufwendigste in der hiesigen Kriminalgeschichte. Die Festnahme des Täters und die anschließende Ermittlung gewährt einen dunklen Blick in die grausamsten Abgründe der menschlichen Psyche: Olaf H. missbrauchte und tötete Mirco nicht etwa aufgrund einer sexuellen Neigung, sondern aus seinem Verlangen nach Macht und Erniedrigung. Ein Junge musste sterben, damit ein Power Junkie seinen Schuss bekam.

Anwesend während des Prozesses sind Mircos Eltern, die nach 145 Tagen Ungewissheit fragwürdige Erlösung erhielten. Durch die Worte des 45-Jährigen Täters erlebten sie detailliert das Leid, welches ihr Sohn in den letzten Momenten seines Lebens ertragen musste. Wie soll man nach diesem Erlebnis noch weiterleben?

Die Familie des Verstorbenen hat für sich eine Antwort gefunden. In der Doku „Unter Tätern“ besucht Sascha Bisley die Schlitters und spricht mit ihnen über ihr Trauma. Das Leid der Eltern ist unvorstellbar, dennoch sehe ich auf meinem Bildschirm zwei Menschen, die ihren Frieden gefunden haben. Sie haben es geschafft, dem Täter seine Tat zu vergeben.

Egal wie oft ich diese Bilder sehe und ihre aufrichtigen Worte höre, ich werde nie begreifen können, wie sie das getan haben. Zu wissen, dass Vergebung der Weg zu innerem Frieden ist und ihn zu gehen, sind zwei vollkommen verschiedene Dinge. Die Schlitters haben die Kraft aufgebracht ihren Weg nicht nur zu sehen, sondern ihn auch zu gehen. Mircos Vater bringt mich auch heute noch den Tränen nahe, wenn er sagt:

Das Vergeben ist nicht unbedingt an denjenigen gerichtet, der die Tat begangen hat, sondern dient dem, der vergibt. Ich entledige mich im Prinzip der Anklage, des Zorns, des Hasses.

Vergebung kann erlernt werden. Du wirst Rückschläge erdulden müssen, du wirst es ungerecht finden, du wirst schlussendlich Freiheit erhalten. Die Schuld zu vergeben bedeutet nicht, dass du die Übel der Welt entschuldigst, oder sie für nichtig erklärst. Du fängst an, deine Dämonen in ihre Schranken zu weisen, dein Innerstes aufzuräumen und das einzige zu kontrollieren, worüber du jemals Kontrolle haben wirst: Deine Reaktion auf die Dinge der Welt.


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