Ziele sind der Kompass unseres Lebens. Sie bestimmen unsere Richtung und helfen uns sicher durch stürmische Phasen des Lebens zu navigieren. Die Erkenntnis, dass wir Ziele benötigen, reicht aber nur der erste Schritt. Wenn wir wachsen wollen, dann brauchen wir richtige Ziele und müssen diese von Falschen unterscheiden.

Warum sind Ziele notwendig?

Persönlichkeitsentwicklung ist ein bisschen wie Raketenphysik. Sie ist schwierig in der Umsetzung, konfrontiert uns konstant mit Fehlschlägen und wenn wir es falsch angehen, wird am Ende alles explodieren. Klingt nach jeder Menge Spaß, nicht wahr?

Glücklicherweise teilen beide Disziplinen aber auch ein motivierendes Merkmal: Sie sind erschreckend simpel. Die Grundidee einer Rakete und der Entwicklung des eigenen Charakters ist, dass wir nicht mehr benötigen, als Motivation/Treibstoff, ein Ziel/Koordinate und Zeit. Die Kombination aus Richtung und Kraft, vor dem Hintergrund einer zeitlichen Komponente, ist der Grundstein einer jeden Veränderung, egal ob groß oder klein.

Ohne Ziele können wir nicht wachsen

Von unserer frühen Entwicklung bis ungefähr in unser mittleres Teenager-Alter, werden uns Ziele von außen gesetzt. Statt dankbar für die Unterstützung zu sein, tun wir, was Kinder eben so tun: Wir fühlen uns ungerecht behandelt. Die Notwendigkeit von Zielen wird uns erst sehr viel später bewusst, wenn wir unseren eigenen Weg finden müssen. Die ersten Schritte im Leben mögen erzwungen sein, doch nur durch sie sind wir in der Lage in unserem Leben eigenständige Schritte zu vollziehen, komplett ohne Zwang von außen. Einfach weil wir es wollen.

Egal wie wichtig der Anstoß in der Kindheit durch die eigenen Eltern war, die negativen Gefühle bleiben meist hängen. Statt Ziele als Antrieb zu sehen, der für unser Wachstum notwendig ist, sehen wir sie als Zwang, Druck und Willkür. Doch was passiert, wenn wir uns unseren kindlichen Emotionen hingeben und uns keine Ziele setzen?

Ein Leben ohne Ziel lässt sich gut mit einem Luftballon vergleichen, dessen Knoten gerade gelöst wurde. Er bewegt sich zwar, doch statt eine bestimmte Richtung einzuschlagen, irrt er mit Furzgeräuschen unberechenbar durch den Raum. Das mag die Stimmung auf einer Party lockern, jedoch ist es nicht ratsam dies zum Vorbild für sein eigenes Leben zu nehmen. Wenn wir keine festen Ziele verfolgen, dann sind wir wie der Ballon, der ständig die Richtung wechselt und am Ende rastlos und ausgebrannt am Boden liegen bleibt, statt Sinn und Halt im Leben zu finden.

Falsche Ziele führen uns an den Abgrund

Orientierungslosigkeit ist nicht die einzige Hürde in unserem Leben. Falsch gesetzte Ziele sind in vielen Fällen sogar noch verheerender. Ein gutes Beispiel hierfür bin ich selbst.

Mit 16 spiegelten meine Ziele und Träume das wider, was mir Rap Songs erzählt haben. Damit will ich die Verantwortung nicht an meine damaligen Idole übertragen, ich will lediglich zeigen, was für ein Idiot ich war. Mit 24, ganze 8 Jahre später, war ich endlich erwachsen genug zu begreifen, dass mich die Jagd nach Sportwagen, Geld und Frauen nicht erfüllen, sondern vielmehr zerstören würde. An sich wäre das ein guter Zeitpunkt gewesen meine alten und falschen Ziele, durch neue und gute zu ersetzen, doch was wäre das Leben ohne ein Eskalation?

So schlitterte ich schreiend in die nächste Katastrophe und meine neuen Ziele waren Aufmerksamkeit und Anerkennung. Ein Stück weit erreichte ich Beide , doch nicht ohne den Preis zu zahlen. Leider gab es weder Rabattcode, noch versandkostenfrei und so zahlte ich in zerbrochenen Freundschaften, kaputten Beziehungen und Depressionen. Ich fand mich in exakt dem gleichen Chaos wieder, welches ich schon 8 Jahre zuvor erlebt hatte. Nach zwei Jahren Abitur, fünf Jahren Studium, zwei Praktika und zwei Jobs war also der einzig wirkliche Unterschied zwischen mir und meinem 16-Jährigen Ich, der Bartwuchs.

Es wäre gelogen, wenn ich in dieser Zeit nicht gewachsen wäre. Das Problem war nur, dass es die vollkommen falsche Richtung war und dies problematische Konsequenzen für mein Leben nach sich zog. Die Zeit war eine Mischung aus verdient und nicht besser gewusst. Verdient weil die Verantwortung für meine Taten immer bei mir liegen wird, nicht besser gewusst weil ich die falsche Beziehung zu meinem Ego pflegte. Statt es als Gegner zu sehen, war es mein Freund, mein Coach und mein Gott und damit hatte ich schon verloren.

Als mein Leben einem Autounfall glich, stand ich fassungslos am Rand und hörte wie mein Ego mir sagte, dass wir auf genau dem richtigen Weg seien. Erst als das Wrack begann Feuer zu fangen und ich spürte, wie es sich anfühlt Stück für Stück auszubrennen, realisierte ich, dass mein Ego ein mieses Stück Scheiße war und ich es so schnell wie möglich töten, oder zumindest schwer verletzen musste. Das klingt drastisch, doch ich war 26 Jahre alt und hatte die besten Jahre meines Lebens an dieses Biest verschwendet. Es war Zeit mich zu befreien und der Mensch zu werden, der ich eigentlich sein wollte.

Die Erkenntnis war befreiend, kam aber zu spät, um mich vor dem Aufschlag auf dem harten Boden der Realität zu schützen. Meine Reise begann voller Tatendrang und endete auf dem Sessel eines Therapeuten. Doof gelaufen, doch ich wollte dafür sorgen, dass mir das nie wieder passieren würde. Nie wieder wollte ich mit Tränen in den Augen und Wut im Bauch in meinem Trümmerhaufen von Leben aufwachen und mich fragen, wie es so weit kommen konnte. Doch wie erkenne ich, ob ein Ziel “gut” oder “schlecht” für mich ist?

Richtige Ziele vs. Falsche Ziele

Bei Zielen sollte immer beachtet werden, dass sie kurz- und langfristig sein können. Beides ist wichtig für uns, im Folgenden konzentriere ich mich aber vor Allem auf langfristige Ziele. Diese formen unser Leben maßgeblich und geben ihm seine Richtung, weshalb wir sie besonders im Auge behalten sollte. Alle gewählten Beispiele stammen aus meinem eigenen Leben.

Die Natur des Ziels

Der Klassiker. Wenn sich deine Ziele um materielle Dinge drehen, dann hast du früher oder später ein Problem. Es ist vollkommen okay, sich über Weihnachtsgeschenke und schöne Dinge zu freuen, aber verlieren wir uns im Materialismus, dann ist das ein Problem. Insbesondere wenn er so tief in unsere Bedürfnisse und Wünsche verwoben ist, dass er anfängt Beziehungen, Gefühle und Gedanken zu beeinflussen. An diesem Punkt kontrollieren wir nicht mehr unser Ziel, sondern unser Ziel uns.

Besser sind Ziele, die sich nicht mit einer ausreichend großen Summe Geld kaufen lassen. Oft sind es Dinge die nicht greifbar und auch nicht im klassischen Sinne besitzbar sind und sich mit der Welt in uns befassen. Es sind zum Beispiel Charaktereigenschaften, Beziehungen oder Einstellungen, Dinge, die keine Gier nach mehr wecken, sobald wir uns ihnen nähern. Gute Ziele werden von uns kontrolliert.

Beispiel: „Ich will um jeden Preis eine Rolex tragen.“ vs. “Ich will ein besserer Autor werden.”

Erreichbarkeit des Ziels

Was jetzt kommt, klingt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht unbedingt einleuchtend, aber: Ziele sind nicht dazu da, dass wir sie erreichen, vielmehr sollten sie Orientierungshilfe bei unseren alltäglichen Entscheidungen sein. Das Problem, wenn wir unser gesetztes Ziel erreichen, ist das Wegbrechen der Entscheidungshilfe im Alltag und die daraus resultierende Orientierungslosigkeit und Leere.

Nehmen wir Ed Catmull, Präsident von Pixar. Sein Ziel über 20 Jahre hinweg war es, den ersten vollständig animierten Spielfilm der Welt zu produzieren. Entgegen aller Erwartungen gelang ihm das 1995 mit Toy Story, doch statt erfüllt zu sein, sah er sich plötzlich mit Leere und Orientierungslosigkeit konfrontiert. Was folgte, waren unsichere Monate, in denen er Zeit und Energie in seine persönliche Neuausrichtung investieren musste. Sein Ziel war nicht schlecht an sich, es war lediglich strategisch schlecht, es so zu formulieren. Ein erreichbares Ziel impliziert immer, dass früher oder später wieder Zeit und Energie investiert werden muss, um einen Nachfolger zu finden. Dieser Aufwand ist nicht nur unnötig, sondern auch riskant, denn so können sich sehr schnell falsche Ziele in unser Leben einnisten.

Bei guten Zielen geht nicht um das Ende, sondern um den Weg dahin. Das Leben ist kein Sprint, sondern ein Marathon und so ist nicht wichtig, was am Ende auf uns wartet. Wichtiger ist, wie der Weg bis dahin aussieht. Lieben wir unseren Weg, finden wir in ihm Erfüllung? Auch wenn der Gedanke an unerreichbare Ziele demotivierend klingen mag, sie zwingen uns, uns auf den Weg zu konzentrieren und spenden uns somit mehr Erfüllung als jedes erreichbare Ziel.

Beispiel: „Ich möchte befördert werden.“ vs. „Ich will die beste Version von mir selbst sein“

Fokus des Ziels

Schlechte Ziele legen ihren Fokus auf unsere äußere Umwelt. Die Perspektive verengt sich auf die Personen, Sachen und Wünsche welche außerhalb von uns existieren und über die wir demnach keine Kontrolle haben. Wenn wir es nicht sind, die kontrollieren, dann werden wir früher oder später kontrolliert werden. Ein Leben, in welchem wir nicht die letzte Instanz unserer Entscheidungen sind, ist ein Leben in Tyrannei, selbst wenn der Tyrann an der Spitze unser eigener Geist ist.

Die logische Konsequenz ist, dass sich gute Ziele auf unser Innerstes beziehen. Der stoische Philosoph Epiktet sieht in der Akzeptanz von Dingen, welche nicht in unserer Kontrolle liege, den Weg zum persönlichen Glück. Die Illusion, dass wir die Kontrolle über Dinge wie Anerkennung, Ruhm und Erfolg hätten, ist destruktiv und kontraproduktiv. Indem wir die Suche nach diesen aufgeben und uns unserem Inneren widmen, erlangen wir wirkliche Kontrolle über unser Leben und so sollten Ziele sich vor allem auf Dinge konzentrieren, die in uns existieren.

Beispiel: „Ich will von den Menschen um mich herum anerkannt und geliebt werden.“ vs. „Ich will lernen, mich selbst zu akzeptieren und zu lieben.“

Motivation des Ziels

Mein größter Fehler war zweifelsohne die Motivation hinter meinen Zielen. Das Tückische an ihr ist, dass wir sehr tief und ehrlich in uns schauen müssen, um sie wirklich zu verstehen. Warum wollen wir, was wir wollen? Das Feuer schlechter Ziele wird vor allem durch Ego entfacht. Dieses hinterlistige Biest will Aufmerksamkeit und Anerkennung und um diese zu bekommen, nistet es sich auch in unseren Träumen und Wünschen ein. Es dort zu erkennen, ist schwierig und gelingt nur mit viel Selbstreflektion und nie ohne Rückschläge.

Gute Ziele hingegen sind nicht mit unserem Ego verwoben. Sie streben weder nach Bestätigung, noch nach Aufmerksamkeit, auch wenn Beides ein Nebeneffekt von ihnen sein kann. Ihre Motivation ist größer, als die Bedürfnisse unseres Egos und so geben sie uns mehr Halt, Erfüllung und Balance. Kein zweiter Punkt auf dieser Liste ist so schwierig umzusetzen, aber einfach war nie das Ziel, oder?

Beispiel: „Ich will reich sein (weil ich Anerkennung will).“ vs. „Ich will Menschen dabei helfen, ihren Weg zu finden“

Außen vs. Innen

Der letzte Punkt sollte eigentlich überflüssig sein, leider weiß ich aus eigener Erfahrung, dass er es nicht ist. Schlechte Ziele werden uns von außen aufgedrückt und sind Ausdrücke der Erwartungen und Wünsche anderer Personen. Oftmals sind diese Personen unsere Eltern oder nahe Verwandte, weshalb es uns so schwer fällt uns dagegen aufzulehnen. Die Intention, wenn Eltern für ihre Kind Ziele und Karrierewege setzen ist nobel, doch wahre Erfüllung kann oft erst kommen, wenn sich die Kinder von den elterlichen Wünschen lösen.

Entstammt ein Ziel jedoch aus dir selbst, dann bist du auf dem richtigen Weg. Kein zweiter Mensch ist so wie du und dein bisheriges Leben ist eine einzigartige Aneinanderreihung von Gedanken, Erfahrungen und Eindrücken. All diese Dinge prägen dich und machen dich zu dem einzigartigen Wesen, das du heute bist. Wenn du diese Einzigartigkeit bei dem Setzen deiner Ziele berücksichtigst, dann spiegeln sie dich als Menschen wider und geben dir die Richtung in ein Leben vor, welches dich erfüllen wird.

Beispiel: “Ich will Finanzberater werden.” vs. “Ich will Schriftsteller werden.”


Ziele für das eigene Leben herauszubilden und zu etablieren, geschieht nicht an einem Nachmittag. Um für uns festzulegen in welche Richtung unser Schiff fahren soll, müssen wir Fehler machen, in falsche Richtungen rennen und auf dem Boden der Tatsachen landen. Nur so entwickeln wir ein Verständnis dafür, wer wir sind und damit auch, wohin unsere Reise gehen soll. Sind die Segel einmal gesetzt dürfen wir keine Angst davor haben, ständig zu reflektieren und uns zu fragen, ob wir noch auf Kurs sind und ob dieser Kurs überhaupt noch der Richtige für uns ist. Je weiter wir vom Hafen entfernt sind, desto mehr Dinge lernen wir und neue Dinge lassen auch unsere Ziele in einem neuen Licht erstrahlen. Halte dein Ego im Zaum und vertrau auf dein Gefühl, dann wirst du den richtigen Kurs für dich finden und falls du in ein Unwetter gelangst, dann vergiss nie: Eine ruhige See hat noch keinen guten Seebären gemacht.