Als Terry Fox mit 18 Jahren sein rechtes Bein durch Krebs verlor, beschloss er zwei Dinge. Er würde sich seiner Krankheit niemals beugen und Hoffnung für alle schaffen, die sein Schicksal teilten. Beides kam zusammen, als er am 12. April 1980 den “Marathon of Hope” startete, einen Spendenlauf über 143 Tage und 5.373 Kilometer quer durch Kanada.

Wie schafft es ein krebskranker Läufer mit nur einem Bein, 5.000 Kilometer durch Kanada zu rennen?

Es war seine Bestimmung.

In der Schule war Terry Starspieler des Basketballmannschaft. Beachtliche Leistung dafür, dass er zu klein war und diesen Nachteil nicht einmal mit Talent aufwiegen konnte. Er musste seiner Realität ins Auge blicken: Doppelt so hart trainieren oder untergehen. Die Wahl fiel auf die zweite Option.

Eine schönere Geschichte hätte das Leben nicht schreiben können.

Der kleine Junge kämpft sich an die Spitze. Jeder kann das haben, was er will, wenn er nur das tut, was dafür notwendig ist. Doch selbst die schönsten Geschichten finden manchmal ein brutales Ende.

Nobody is ever calling me a quitter

Mit 18 Jahren diagnostizierten Ärzte bei Terry Fox ein Knochensarkom. 1 Eine Woche später wurde sein Bein amputiert. Terry war ein unbeschwertes Kind, dessen Leben in sieben Tagen in Flammen aufging.

Die folgenden 16 Monate verbrachte er mit Chemotherapie. Diese raubte ihm die Haare und sein Muskeln. Alles was blieb, war ein kleiner Junge, der unfreiwillig erwachsen geworden war.

Die Therapie rettete nicht nur Terrys Leben, sie offenbarte ihm auch die hässliche Fratze der Realität. Die Krankheit fraß erst Lebenswillen, anschließend den Körper. Sie machte keinen Unterschied zwischen Alter, Rasse oder Geschlecht und dennoch war sie verdammt ungerecht. Krebs war keine Diagnose, es war ein Kampf.

Als Sportler kämpfte Terry sein ganzes Leben. Doch das hier war anders. Es war kein Kampf um Ruhm und Anerkennung, sondern um Leben und Tod. Ein Kampf für den die meisten Menschen zu schwach waren.

Sie brauchten Hoffnung und  Forschung. Terry wollte ihnen Beides geben.

Dies war seine Bestimmung.

Du brauchst etwas, das größer ist als du selbst

Du kannst es nennen wie du willst. Sinn des Lebens, Bestimmung, Lebensaufgabe. Gemeint ist etwas, das größer ist als du selbst. Etwas, dass dich daran erinnert, wofür du das hier alles tust. Dein Fixstern.

Seit Menschen denken können, fragen sie nach dem Sinn. Wozu sind wir hier? Was ist unsere Aufgabe?

Schwierige Fragen, wenige Antworten, große Verwirrung.

Bis Religionen das Licht der Welt erblickten.

Die großen Religionen retteten die fragenden Menschen. Sie sagten, unsere Bestimmung, ist die Bestimmung die Gott uns gibt. Es war die ultimative Antwort auf die Frage aller Fragen. Es war auch eine Antwort, die falscher nicht hätte sein können.

Religionen hatten nie die Antwort, sie waren die Antwort.

Menschen des Glaubens fanden nicht plötzlich den Sinn des Lebens in der Bibel oder dem Koran. Sie fanden durch den Glauben an etwas Größeres den Sinn ihres eigenen Lebens.

Die Abkehr von Religion brachte Freiheit, doch wir verloren dabei unseren Fixstern.  Nietzsches berühmter Ausspruch „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn umgebracht!“ ist Zeugnis dieser selbst geschaffenen Verzweiflung.

Ohne Sinn, keine Richtung und ohne Richtung, keine Perspektive. Wenn es in deinem Leben nichts gibt, das größer ist als du selbst, dann bist du nur ein Klumpen Biomasse, der Sauerstoff ein- und Kohlenstoffdioxid ausatmet. Wenn du nicht weißt, wohin du gehen sollst, wirst du stehen bleiben.

Statt neue Welten zu entdecken, verlierst du dich auf dem Meer der Möglichkeiten. Verrückt vor Durst starrst du zornig in die Sonne und deine aufgeplatzten Lippen flüstern: Wozu bin ich hier? 

Die Antwort bleibt aus.

Du wirst wütend auf das Leben.

Du stellst Fragen und es weiß keine Antworten.

Dieses Scheißteil.

Du glaubst, du hättest einen Anspruch auf eine Antwort und du beginnst mit den Fäusten gegen die Pforte des Schicksals zu schlagen.

Schon den Psychologen Viktor Frankl verwunderte diese Anmaßung. Er verstand nicht, wieso wir glauben, dass wir das Leben nach dem Sinn fragen würden. Vielmehr sei es umgekehrt. Das Leben fragt uns nach dem Sinn. Was ist der Sinn deines Lebens?2

Frankl lernte hinter dem Stacheldraht deutscher Konzentrationslager, dass die Hölle näher ist als wir glauben. Als Psychologe verblüffte ihn eine Sache besonders. Wie können Menschen an einem Ort wie diesen überleben? Einen Ort, der ausschließlich dazu geschaffen wurde, sie zu vernichten.

Er überlebte und fand die Antwort.

Menschen die Sinn in ihrem Leben fanden, hatten eine höhere Chance zu überleben. Für diese Menschen stand mehr auf dem Spiel als der Verlust ihrer körperlichen Hülle. Sie hatten einen Fixstern zu verlieren.

Grob lässt sich der Sinn eines Menschen in fünf Kategorien einordnen:

Terrys Schicksal war brutal. Es hätte ihn aus der Bahn werfen müssen. Direkt in die dunkelsten Abgründe seiner Seele. Doch ihm gab es Sinn.

Das Leid selbst schuf die Antwort auf die Frage, wie es jetzt weitergehen soll. Wachse über deine Krankheit hinaus und hilf den Menschen, die das nicht können. Scheiß auf das verlorene Bein, renne durch Kanada, sei die Hoffnung und rotze dieser Krankheit direkt ins Gesicht.

Niemand kann sein Schicksal kontrollieren. Doch was daraus entstehen wird, das liegt vollkommen bei uns.Wenn das Leben sein Schwert in deinen Bauch rammt, musst du aufhören es nach dem Grund zu fragen und ihm verdammt nochmal antworten.

Wie man aus 0 Kilometern 5.000 macht

Terrys erste Trainingseinheiten waren bescheiden. 800 Meter waren nicht viel, aber ein Anfang. Woche für Woche steigerte er die Distanz, bis er in seinem Trainingsbuch 5.000 Kilometer verzeichnete.

5.000 Kilometer Training sind hart, selbst wenn du zwei gesunde Beine hast. Für einen amputierten Sportler war das jedoch übermenschlich. Sein gesundes Bein litt unter der einseitigen Belastung. Er verlor Zehennägel, litt an Shin Splints 3 und wiederkehrenden Blasen an Fuß und Beinstumpf. Sogar ihn wunderte es, dass sein Schienbein während des Trainings nicht einfach zerbrach.

Terry trainierte nicht nur zu Laufen. Er trainierte Schmerzen zu ertragen.

Er war bereit. Zeit für das echte Leben.

Vor Beginn seines Laufs, stand eine Routine-Untersuchung an. Der behandelnder Arzt entdeckte bei Terry Herzprobleme 4 und äußerte sich besorgt.

Er riet ihm die Anstrengung minimal zu halten.

Lieber das Ganze langsam angehen.

Nur 16 Kilometer pro Tag.

Auf keinen Fall mehr.

Terry ran im Schnitt 38,6 Kilometer pro Tag.

Somehow we turned zero miles into twenty-four.

Die Diagnose erklärte, wieso Terry mit wiederkehrenden Schwindelanfällen zu kämpfen hatte. Er ignorierte den Rat dennoch und bekam an Tag 18 die Rechnung dafür. Er musste das erste mal einen Tageslauf unterbrechen. Er sah Dinge plötzlich achtfach. Kein gutes Zeichen.

Schmerzen, Stürme und Grippe waren Hindernisse. Das hier hätte ihn umbringen können. Doch es war zu spät, um umzukehren. Terry hatte eine Vision: Einen Dollar für jeden Kanadier sammeln. Das waren knapp 24 Millionen Dollar. Was war da schon so ein kleines Herzproblem?

Es blieb nicht nur bei körperlichen Strapazen. Formell erhielt er Unterstützung von der Kanadischen Krebsgesellschaft, in der Realität hielt sie ihn aber für einen naiven Spinner. Ihre Hilfe bei der Organisation von Spendenauftritten war essenziell, blieb jedoch häufig aus. Als Terry die Provinzen erreichte, hatte noch nie jemand von ihm gehört. Das Geld floß nur spärlich, doch Terry wusste, wofür er das tat.

Er machte weiter.

Die Zeiten änderten sich und die Menschen sahen ihn plötzlich mit anderen Augen. Aus einem durchgeknallten Irren wurde eine durchgeknallter Held. Über Nacht wurde der keine Terry Fox zu einer nationalen Berühmtheit.

Du kannst dir keine 20 Millionen Freunde machen, ohne dir nicht wenigstens ein paar Feinde einzuhandeln.

In der Geborgenheit ihrer beheizten Büros kritisierten Journalisten immer häufiger den „Marathon of Hope“. Terry war für sie kein Held, sondern ein egogetriebener Jugendlicher, der sein Leben sinnlos aufs Spiel setzte.

Sie hatten Recht. Terry riskierte sein Leben.

Sie hatten aber auch Unrecht. Es war nicht sinnlos.

Der Sinn deines Lebens rettet dich davor, durchzudrehen

Psychologen bezeichnen den Sinn, dem wir unserem Leben geben, als global meaning. Er umspannt alle Aspekte unseres Lebens und setzt es für uns in Perspektive. Es gibt noch einen weiteren Sinn, der sich auf Ereignisse bezieht. Vorzugsweise auf die negativen. Diesen nennt man dann situational meaning. 5

Beide sind unterschiedlich und doch eng verbunden. Wenn wir Sinn in unserem Leben haben, fällt es leichter, Sinn in unseren Krisen zu sehen. Gleichzeitig können diese Krisen den Sinn für das große Ganze bestimmen.

Doch wie hilft es uns, wenn wir Sinn in unserem Leid sehen?

Die meisten Menschen motivieren sich durch Ego und Verlangen. Sie wollen den Benz, die Rolex, den Urlaub in der Karibik mit einem braun gebrannten Fitness Influencer, für den jeder Spiegel Content eine Chance auf Content ist. Bedeutungsloser Schrott, von dem sie gehört haben, dass er sie erfüllen wird. Dafür reichen 08/15-Motivationsbildchen auf Instagram oder die Kalendersprüche, die ihre Mutter manchmal auf Facebook teilt.

Wenn du aber mit nur einem Bein 8.000 Kilometer durch Kanada rennen willst, dann brauchst du mehr. Du brauchst Substanz. Du brauchst einen Grund, nicht stehen zu bleiben.

Terry hatte genügend Gründe stehen zu bleiben. Er hatte Krebs. Er verlor sein Bein. Sein Stumpf blutete ständig. Die Kanadische Krebsgesellschaft ignorierte ihn. Das Wetter war scheiße. Wieso weitermachen?

Er konnte nicht aufhören, weil es nicht seine Entscheidung war. Es ging nicht um ihn. Es ging um etwas, das größer war als er selbst. Das konnte er unmöglich selbst entscheiden.

Terry musste seine Geschichte erzählen.

Die Geschichte unseres Lebens

Das Leben ist kompliziert, selbst wenn es in geregelten Bahnen verläuft. Wir können nie zu 100% alle Hintergründe verstehen. Wieso war der Kassierer unfreundlich? Warum ist meine Beziehung gescheitert? Wieso wurde ich bei der Beförderung wieder übergangen?

Das Leben ist komplex und das macht es unsicher.

Was wird uns als Nächstes passieren?

Pure Folter für unseren Verstand.

Was also tun?

Thomas Gilovich beschreibt den Menschen als ein Wesen, das sich weigert die Unsicherheit des Lebens zu akzeptieren. Stattdessen baut es aus den Ereignissen eine halbwegs passende Geschichte, die diese Unsicherheit eliminiert.

Die Geschichte muss nicht stimmen, lediglich Ordnung und Struktur geben. Mit dieser beginnen wir zu verstehen, was passiert ist und das erlaubt es uns, zu erahnen, was kommen wird. Problem gelöst.

Natürlich erzählen wir uns die meiste Zeit Bullshit und unsere Idee von der Zukunft ist lächerlich. Doch darum geht es auch nicht. Es geht darum, die Unsicherheit loszuwerden.6

Das Stricken der eigenen Lebensgeschichte hat aber noch einen weiteren Vorteil.

Als Konstrukteure können wir traumatische Erlebnisse nehmen und sie mit dem bisher Erzählten verweben. Krisen und Rückschläge werden Teil des Großen Ganzen. Wer es schafft, seinen Traumata auf diese Weise Sinn zu geben, der kann an ihnen wachsen. 7

Doch was kannst du tun, wenn dir das nicht gelingt? Wenn die Teile in deinem Kopf einfach nicht zueinander passen wollen?

Dann wird es Zeit, deine Geschichte umzuschreiben.

Wie du deine Geschichte umschreibst

Unsere Lebensgeschichte ist nicht nur eine Metapher. Sie ist eine richtige Geschichte und wie jede Geschichte, hat auch sie einen Autor.

Dieser bist du.

Als Schriftsteller hast du nun ein großes Problem.

Die Bezahlung ist beschissen.

Das ist aber nicht weiter schlimm, denn dafür hast du die Freiheit, dein Werk beliebig umzuschreiben. Dein Drama ödet dich an? Dann mach eine Komödie draus. Die Romanze geht nicht auf? Wie wäre es mit einem Selbsthilfe-Ratgeber für Katzenladies?

Klingt zu gut um wahr zu sein? So ist es auch. Sorry.

Doch auch wenn deine Kapitel stehen, du kannst immer ändern, wie dein Protagonist (das bist du) sie wahrnimmt. Zeig ihm, wie sich das Kapitel in die Geschichte des Gesamtwerks fügt und schließe die schmerzhaften Kapitel ab.

Ernsthaft. Schreib es nieder. Alles.

James Pennebaker beschreibt, wie Schreiben helfen kann, Traumata zu überwinden. Beim Niederschreiben werden wir gezwungen, eine Geschichte zu entwickeln und da wir Menschen nicht anders können, muss diese einen Sinn ergeben. Fertig ist unser situational meaning.

Viele Menschen glauben, dass ihnen Schreiben hilft, Emotionen herauszulassen („Die Wut herauslassen“). Doch Emotionen und Traumata sind kein Ballast, den du abwerfen kannst. Sie sind etwas, das du lediglich in eine neue Perspektive setzen kannst und solltest. 8

Aus Schmerz Hoffnung schaffen

Terrys Schicksal war sinnlos und unbarmherzig. Doch das war egal. Es kam nie darauf an, dass etwas Sinn ergibt. Lediglich, welchen Sinn wir vergeben. Selbst wenn wir keinen finden können, bleibt uns immer die Möglichkeit, unser Leid zu ertragen und darin Sinn zu finden.

Aus Schmerz kann Bestimmung wachsen.

Mit gerade einmal 18 Jahre beschloss Terry Fox über sein Leid hinauszuwachsen. Es war hart, aber es musste getan werden. Er war kein hoffnungsloser Optimist, er erkannte lediglich seine Bestimmung.

Die Bestimmung, Anderen zu helfen.

I’m not a dreamer, and I’m not saying that this will initiate the definitive answer or cure to cancer, but I believe in miracles. I have to.

Der Schmerz würde allein nicht verschwinden. Terry musste dafür sorgen, dass er es tat.

Irgendwann muss der Schmerz aufhören

Nach 143 Tagen und 5.373 Kilometern kam der „Marathon of Hope“ zu einem vorzeitigen Ende. Der Krebs kehrte zurück. Terry schwor den Lauf wieder aufzunehmen, sobald er das Krankenhaus verlassen würde. Doch dieser Tag kam nie.

Terry Fox starb 1981, einen Monat vor seinem 23. Geburtstag.

Die Menschen sahen Terry, wie er auf den Highways Kanadas einen aussichtslosen Kampf führte. Sie sahen, dass er Hoffnung bedeutet. Sie wollten ein Teil davon sein.

Während des Marathons sammelte Terry Fox 1,4 Millionen Dollar ein.

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Die Menschen trauerte als sie Terry im Krankenhaus sahen. Der Kämpfer, der nicht mehr kämpfen konnte. Sie beschlossen, dass sie das Schwert an seiner Stelle führen würden. Überall in Kanada formierten sich Spendenläufe.

Der nationale Sender CTV organisierte einen mehrstündigen Spendenmarathon und sammelte im ganzen Land Geld zur besten Sendezeit.

Der Spendenbetrag wuchs auf 24,17 Millionen Dollar.

Einen Dollar für jeden Kanadier im Land. Terrys Traum wurde Realität.

Am Ende verlor Terry Fox den Kampf gegen Krebs. Heute führt ihn die gleichnamige  NonProfitOrganisation weiter. Weltweit veranstaltet sie „Marathons of Hope“, die Terrys Vermächtnis in sich tragen. Bis heute wurden so mehr als eine halbe Milliarde Dollar gesammelt. Für eine Welt, in der der Schmerz irgendwann aufhören wird.

Somewhere the hurting must stop


Alle Informationen über Terry Fox stammen aus seiner Biografie „Terry Fox: His Story“ 

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