Mein Leben lang glaubte ich, dass Wut die Antwort auf die Übel der Welt sei. Ich sah zwar wie sie täglich zerstörte, doch manchmal müssen eben Opfer gebracht werden, oder? Statt den Zorn in mir zu bekämpfen, akzeptierte ich ihn, bis er mich definierte, veränderte und mein Leben Stück für Stück in einen Trümmerhaufen verwandelte.

Wut ist meine Droge. Sie ist der psychopathische Babysitter eines Klischee-Slashers und ich ein 12-Jähriges Kind, das im Kleiderschrank wimmert. Sie befiehlt, ich folge. Es gibt auch gute Tage, an denen sie mich in Ruhe lässt und ich Frieden finden kann. Doch oh Boy, wehe sie hat einen schlechten Tag – und sie hat verdammt oft schlechte Tage – dann lässt sie Scheiße und Feuer auf meine Welt regnen.

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit Persönlichkeitsentwicklung und doch ist mir nie in den Sinn gekommen, mich mit meiner Wut auseinanderzusetzen. Als Son-Goku einen aussichtslosen Kampf auf Namek führte, war es unbändige Wut die ihn zum Super Saiyajin machte und schlussendlich Freezer zu Alien-Goulasch verarbeitete. Wenn Zorn das tun konnte, wieso sollte er dann etwas Schlechtes sein?

Die Antwort liegt auf der Hand, meine Ignoranz verbarg sie jedoch vor mir: Das Leben ist keine Dragon Ball Z-Folge. Enttäuschend, ich weiß.

Heute versuche ich ein wenig schlauer zu sein und steige jeden Tag mit meiner Wut in den Ring. Manchmal gewinne ich, meistens bekomme ich auf die Fresse. Ohne diese Niederlagen wüsste ich heute aber nicht, woher meine Wut kommt, welche Folgen sie für mich bereithält und wie ich es endlich schaffe sie loszulassen.

Verstehen woher Wut kommt

Wut hält sich für äußert wichtig, am Ende des Tages ist sie aber auch nur ein schnödes Gefühl. Wenn wir verstehen wollen, wo sie in uns wohnt, müssen wir nur schauen, wozu sie geschaffen wurde.

Dein und mein Verstand lässt sich in zwei Bereiche gliedern. Da gibt es einen rationalen Teil für die komplexen Probleme der Welt und einen weitaus älteren Teil, den wir „Unterbewusstsein“ nennen. Entscheidungen die hier getroffen werden „überschreiben“ meist unser bewusstes Handeln und das geschieht unter Anderem durch Emotionen. Sie sind ein knallhartes Werkzeug unseres Verstands, uns in die richtige Richtung zu schubsen. Sogar dann, wenn unser rationaler Verstand zu langsam oder dumm ist, zu sehen was gut für uns ist.

Angst lässt uns fliehen und sorgte dafür, dass wir auf dem Mond landeten und nicht als Snack in den Mägen von Säbelzahntigern. Erregung lies es überhaupt nicht absurd erscheinen, Körperteile aus denen Pipi kommt, aneinander zu reiben und ineinander zu schieben (hihi, Sex!). Angst rettet unsere Haut, Erregung erzeugt Kinder & Bindung, aber was tut Wut?

Wenn wir wütend werden, dann begeben wir uns in den Kampfmodus. Die Lust auf Auseinandersetzung hilft uns etwas zu erhalten, was uns verweigert wird. Eine Gattung an der sich sehr schön beobachten lässt, wie Wut entsteht, sind schreiende Kinder auf dem Boden eines Supermarktes. Sie wollen etwas, ihre Eltern verweigern es ihnen. Da nett fragen nicht funktioniert, müssen sie ihrer Forderung eben Nachdruck verleihen. Kauf mir verdammt noch mal mein Snickers, oder bekomme zu spüren wie viel Zerstörung in 1,10 Meter Körpergröße wohnen.

Aus philosophischer Sicht lässt sich Wut als Antwort auf Ungerechtigkeit verstehen. Nicht im Sinne von moralischer und absoluter Gerechtigkeit, eher in der kapitalistischen Ausführung: „Was ist gerecht für mich?

Wenn wir unserer Auffassung nach ungerecht behandelt werden, dann klagen wir die Welt an und Wut ist unser Anwalt. Das klingt nobel, eine gerechtere Welt für den Einzelnen bedeutet aber nicht unbedingt eine gerechtere Welt für die Allgemeinheit.

Wut treibt Aktivisten auf die Straße, um für Überzeugungen zu demonstrieren, Wut bringt jedoch auch verschmähte Männer dazu, Frauen Säure ins Gesicht zu schütten. Zwischen diesen beiden Menschen liegen Welten, doch der Mechanismus hinter ihren Handlungen ist gleich: „Ich empfinde die Welt als ungerecht, Zeit das zu ändern.“ Für die einen bedeutet Gerechtigkeit eine Welt ohne Krieg, für die anderen, dass Frauen ihnen die Aufmerksamkeit entgegenbringen, die sie ihrer Meinung nach verdienen. Ob das eigene Verständnis irgendetwas mit tatsächlicher Gerechtigkeit zu tun hat, ist meist nebensächlich.

Friedensdemonstranten mit Säureangreifern zu vergleichen ist hart, zeigt jedoch den Kern des Problems. Wut ist subjektiv, denn sie basiert auf unserer individuellen Vorstellung von Gerechtigkeit. Diese ist aber meist stark verzerrt. Zu unserem Vorteil. Je stärker diese Verzerrung, desto wahrscheinlicher ist es übrigens auch, dass wir uns wie totale Arschlöcher benehmen.

In jedem von uns steckt das Kind vom Supermarktboden. Wir können mittlerweile unsere Süßigkeiten selbst kaufen, weniger verrückt und irrational sind wir deshalb aber nicht. Sich auf seine Wut als moralischen Kompass zu verlassen, bedeutet zu glauben, dass wir wissen würden, was wirklich gerecht sei. Doch es gibt noch ein größeres Problem.

Welche Folgen hat Wut?

Das besondere an Wut ist, dass sie die empfundene Ungerechtigkeit verstärkt. Sie legt sich dabei wie ein brennender Schleier über unser Mitgefühl und die Fähigkeit, sich in andere Menschen zu versetzen.

Je weniger wir Mitmenschen als fehlbare Individuen sehen, desto mehr erscheinen sie wie Feinde unseres Seelenheils. In Rage verurteilen wir Menschen leicht für Fehltritte, die wir oft genug selbst begehen. Ihre guten Seiten verschwinden und alles, was wir sehen, ist ein Problem. Wir verlieren jedes Maß für die Realität. Selbst kleinste Aussagen und Handlungen wiegen plötzlich überproportional und heizen unsere Wut weiter an. Wir wollen Gerechtigkeit und bekommen einen Teufelskreislauf.

Die Anonymen Alkoholiker vergleichen deshalb an Zorn festhalten mit Gift trinken. Wut zuzulassen, bedeutet nicht nur zu akzeptieren, dass man für den Moment die Fassung verliert; das wäre verschmerzbar. Die eigentliche Folge ist, dass wir dabei auch zulassen, dass in uns noch mehr Wut wachsen wird.

Wut ist wichtig, denn sie zeigt uns, wo unsere Prioritäten liegen. Dort wo wir wütend werden, dort liegt unsere Bestimmung etwas in dieser Welt zu verändern. Die Eine-Million-Dollar-Frage ist jedoch, ob Wut der richtige Weg für diese Veränderung ist. Du kannst den Garten niederbrennen, um das Unkraut zu beseitigen, aber wer wird sich dann noch an seiner Schönheit erfreuen?

Meine Wut raubte mir mein Mitgefühl. Tag für Tag zog sie mich tiefer in einen Strudel aus Gefühlsabfällen, Zynismus und Hass. Je mehr ich sie zuließ, desto ungerechter erschien mir die Welt. Ich begann zu glauben, dass mir das Leben etwas schuldig sei, dass mir meine Familie, Freunde und Fremde genau das geben müssten, was ich von ihnen verlangte. Ich war ein Vollidiot – schlimmer noch – ein wütender Vollidiot, der glaubte im Recht zu sein. Mein Zorn sagte mir, dass er gerecht sei, doch wieso fand ich dann statt Gerechtigkeit nur Einsamkeit?

Was kann ich gegen meine Wut tun?

Wie die meisten Emotionen zieht sich auch Wut durch alle Aspekte unseres Lebens. Reißen wir sie an einem Ende aus, werden wir nur frustriert feststellen, dass sie woanders stärker sprießt. Der einzige Weg ist es, das Geschwür am Ursprung zu packen und herauszureißen. Spaßig!

Um die Quelle zu finden, müssen wir, sobald wir wütend werden, uns nach dem „Wieso“ fragen.

  1. Wieso bringt es mich auf die Palme, wenn meine Mutter ständig kritisiert wie es bei mir zuhause aussieht?
  2. Wieso kocht mein Blut, wenn mich irgendein Typ auf der Straße zu lange anschaut.
  3. Wieso bringt es mich auf die Palme, wenn ich Spiegel Online-Kommentare lese?

Die erste Antwort auf diese Frage offenbart selten das eigentliche Problem, also heißt es weiterbohren. Sei wie ein 4-Jähriger und terrorisiere dich selbst mit sich wiederholenden Fragen. Wieso ist das so? Warum denn? Was lässt dich das glauben?

Keine Sorge, in der Regel braucht es maximal 5 Wiederholungen, bis du zum Kern des eigentlichen Problems gekommen bist. Bei den obigen Beispielen könnten ehrliche Antworten so aussehen:

  1. Dich stört eigentlich, dass du nie das Gefühl hast ernst genommen zu werden.
  2. Du glaubst nur die Starken haben einen Platz im Leben und Typen die dich zu lange anschauen, stellen deine Stärke in Frage.
  3. Die Kommentare triefen vor Ignoranz und Dummheit und du glaubst, dass es die Pflicht eines jeden Menschen sei, weder ignorant noch dumm zu sein.

So viel zum einfachen Part.

Leider gibt es ab diesem Punkt kein Patentrezept. Deine Wut basiert auf einer falschen Vorstellung der Welt und diese ist so individuell, wie deine Geschichte. Erst wenn du deine falschen Sicht der Welt findest und aufgibst, kannst du deine Wut hinter dir lassen. Mögliche Antworten auf die obigen Probleme:

  1. Akzeptiere, dass Menschen nie perfekt sind (auch nicht unsere Eltern) und erlaube ihnen Fehler zu machen.
  2. Erkenne, dass die Welt niemandem von uns etwas schuldig ist, egal wie viel Leid und Unglück wir schon erdulden mussten.
  3. Lerne, dass du genug bist

Wir alle ringen mit Dämonen, doch Wut wird immer die einfache Antwort auf ein Hindernis sein. Wütend zu werden, bedeutet seine Verantwortung die Welt zu verstehen, abzugeben und sich stattdessen in Zerstörung zu suhlen. Wer seine Wut hinter sich lassen will, der muss sich auf den Weg machen, zu verstehen. Erst sich, dann die Welt und schlussendlich seinen Weg.

Du kannst auch an deiner Wut festhalten, glauben, dass deine Idee von Gerechtigkeit die Richtige sei. Du kannst zulassen wie dein Verstand ein Brutkasten für deine Wut wird. Zünde die Welt an und schau wie lange es dauert, bis dich deine Gerechtigkeit dich verbrennt.