“If you go home with somebody, and they don’t have books, don’t fuck ‘em!”

Dieser Satz stammt von John Waters und ist vermutlich der einzige Dating-Ratschlag, den man wirklich immer befolgen sollte. Ob ein Mensch Bücher liest oder nicht, verrät mir sehr viel über ihn und seinen Bezug zu seiner Umwelt und irgendwie auch, ob ich am nächsten Morgen neben ihm aufwachen möchte. Diese doch sehr arrogante und elitäre Haltung ist nun nicht unbedingt meine charakterliche Schokoladenseite, aber ich kann guten Gewissens schlafen, denn es gibt mehr als genug Menschen die nicht nur abfällig über Menschen denken die nicht lesen, sondern auch über Menschen, die in ihren Augen das Falsche lesen.

Arme Romanliteratur vs. Reiche Sachliteratur

Für die Geschwader von Self Help Gurus und Success Managern, die im Orbit des Silicon Valleys schwirren und Phrasen wie “Ultra-Successful” benutzen, ist es eine absolute Rückständigkeit, wenn Menschen Romane zur Unterhaltung lesen, da dies pure Zeitverschwendung wäre. Ihre Argumente stützen sich auf das Konzept der Opportunitätskosten. Das Konzept kommt eigentlich aus der Volkswirtschaftslehre und besagt, dass jede Tätigkeit Kosten abseits der offensichtlichen Kosten (Investitionen, Arbeitskraft, Material etc.) erzeugt. Investiere ich Ressourcen in Tätigkeit A, kann ich diese Ressource nicht in Tätigkeit B investieren und somit geht mir der Output von Tätigkeit B verloren. Im aktuellen Fall würde es so aussehen, dass ich meine begrenzte Ressource Zeit in das Lesen von irrelevanter Literatur zur Unterhaltung investiere und nicht in “wertvolle” Sachbücher. Statt Neues zu lernen, lasse ich mich einfach von Entertainment einlullen. Soweit die vorherrschende Meinung.

Auf die Spitze treibt es Tom Corley mit seinen Studienergebnissen aus seinem Buch “Rich Habits: The Daily Success Habits Of Wealthy Individuals” (Zusammenfassung in Bezug auf Literatur). In diesem Buch beobachtete er die Angewohnheiten von reichen Menschen ($160.000+/Jahr) und armen Menschen ($35.000-/Jahr), wobei er am Ende zu dem Schluss kommt, dass unsere tagtäglichen Angewohnheiten darüber entscheiden, ob wir arm oder reich werden/bleiben. So zeigt er unter Anderem, dass nur 11% der Reichen zum Zweck der Unterhaltung lesen, während 79% der Armen Bücher als Form des Entertainments sehen. Hingegen konsumieren 85% der Reichen und nur 15% der Armen Bücher, um sich weiterzubilden und zum Zwecke der persönlichen Entfaltung. Hach ja, immer diese dummen armen Menschen, die so einfach reich werden könnten, wenn sie mal ausnahmsweise nicht so gottverdammt dumm wären!

Ich möchte gar nicht weiter auf die haarsträubenden Schlüsse Corleys eingehen, vielmehr geht es mir um die Frage, ob das auf den ersten Blick schlüssige Konzept der Opportunitätskosten wirklich greift und es Zeitverschwendung ist, unterhaltende Literatur zu lesen. Jeder wird mir zustimmen, dass ich die Zeit, die ich in Bücher investiere, die abseits der Unterhaltung keinen Mehrwert bieten, nicht mehr nutzen kann, um fordernde Sachbücher zu lesen. Aber bedeutet dass auch, dass ich meine Zeit damit verbrannt habe?

Der Versuch einer Antwort

Die Idee, dass fiktionale Literatur Sachbüchern unterlegen ist, begründet sich in der Fehlannahme, dass emotionale Intelligenz und Kunst an sich keinen Wert haben und lediglich der Zerstreuung dienen, während Sachbücher Horte voller Entwicklungspotential sind.

Sachbücher sind ohne Frage etwas Tolles. Sie bieten neues Wissen, die Möglichkeit zu reflektieren, erweitern den eigenen Horizont, fordern, fördern und im besten Fall, tun sie das alles gleichzeitig. Stephen Hawkins “Eine kurze Geschichte der Zeit” ist so kompliziert wie es faszinierend ist. Auf 272 Seiten habe ich als Leser eine Menge Dinge über das Universum, die Zeit und schwarze Löcher gelernt. Gleichzeitig hat mir Hawking auch gezeigt, dass unsere Existenz im Vergleich zum Universum geradezu lächerlich ist, was meine Sicht auf das Leben enorm beeinflusst hat. Dieses Buch hat definitiv einen Anteil an meiner persönlichen Entwicklung geleistet, denn ich nicht missen möchte. Kann Romanliteratur mit ausgedachten Figuren so einer Erfahrung wirklich etwas entgegenhalten?

Das Fuck-Yeah-Kunst-Argument

Ich liebe Bukowski, Kafka und Phillip K. Dick (Triviale Lieblingsautoren, aber nicht jeder kann Germanistik studieren ¯\_(ツ)_/¯). Werke wie “Das Schlimmste kommt noch”, “Die Verwandlung” oder “Der Dunkle Schirm” sind in meinen Augen beispiellose Kunstwerke und ihr Lesen hat mir unendliche Freude bereitet. Diese Bücher habe ich nicht gelesen, weil ich erwartet habe etwas dabei zu lernen, sondern weil ich Literatur als Kunstform liebe und diese Kunst erfahren wollte. Zeit die wir mit Kunst verbringen ist weit davon entfernt verschwendet zu sein, denn Kunst erfüllt unserer sehr banalen Existenz mit Schönheit und Anmut. Dieses Kunstgeschwurbel ist ein ziemliches Totschlagargument, denn wer outet sich schon als grobschlächtiger Barbar, ohne Sinn für das Schöne? Deshalb wäre es einseitig und wenig konstruktiv hier noch weiter zu graben.

Das emotionale Argument

Romanliteratur ist nicht nur aufgrund ihrer künstlerischen Attribute wertvoll. Ein gutes Buch hat immer das Potential einen Verstand herauszufordern und eine Reibungsfläche zu bieten, an dem der Leser wachsen kann. Liest man einen (guten) Roman, dann taucht man in eine fremde Welt ein, entdeckt fremde Charaktere, fühlt ihre Freuden, ihren Schmerz, erfährt ihre Sicht der Dinge und kann dieser zustimmen, oder sie auch ablehnen. Bei solchen gedanklichen Prozessen lernt man wenig darüber wie man eine Kickass-Führungspersönlichkeit wird, die 24/7 crusht, aber dafür bilden sie die emotionale Intelligenz des Lesers aus. Das Mitfühlen formt unsere Fähigkeit zur Empathie, die fremden Welten schärfen unsere Kreativität und all die verschiedenen Stilelemente können tief gehende Veränderungen unserer Ansichten auslösen.

Bukowskis “Das Schlimmste kommt noch” ist ein deprimierender Trip der emotionalen Kontraste, Ellis “American Psycho” zeigt die abscheuliche Fratze der modernen Oberflächlichkeit, Kafkas “Die Verwandlung” ist ein Werk voller Verständnis für die Unverstandenen, McCarthys “Die Straße” manifestiert die absolute Hoffnungslosigkeit. Solche Werke sind reißende Ströme, die ihre Leser und an das was sie glauben umwerfen und auf vielen verschiedenen emotionalen Ebenen verändern, obwohl sie lediglich zur Unterhaltung dienen.

Solche emotionalen Learnings, die bei jedem Menschen unterschiedlich ausfallen, sind absolut elementar für das eigene Wachstum*. Wissen und Persönlichkeitsentwicklung bringen sehr wenig, wenn beim Prozess der Selbstreflexion die eigene Gefühlswelt auf der Strecke gelassen wird. Eine Führungspersönlichkeit wird ohne Empathie nie das Feuer in seinen Untergebenen entfachen können und ohne Kreativität bleibt auch jedes Startup auf der Strecke. Der Geist ist ein Garten, indem alle Pflanzen, gegossen werden müssen und wenn deine private Bibliothek nur aus Sachbüchern besteht, dann bietet er dir vielleicht ausreichend Früchte, dafür sieht er dann aber auch ordentlich beschissen aus. Ebenso ungesund ist ein Ungleichgewicht in die andere Richtung: Ein Garten nur mit Blumen und ohne Gemüse sieht vielleicht schön aus, wird dich aber nicht satt machen. Wer nie ein Sachbuch in die Hand nimmt, dem werden fremde Welten für immer verschlossen bleiben, dabei wären sie sehr einfach zu erreichen. Alles was man tun müsste, ist sich die Zeit zu nehmen, sie zu entdecken.

Schlussbemerkung

In Anbetracht der Tatsache, dass es Bücher wie “50 Shades of Grey” gibt, fällt es mir schwer eine finale Absolution für Romanliteratur auszusprechen. Jedoch gibt es auch Bücher wie “Deutschland schafft sich ab”, weshalb es ebenso unsinnig wäre Sachliteratur auf den intellektuellen Thron zu heben. Wichtig ist zu begreifen, dass Romane Sachbüchern nicht unterlegen sind, denn auch sie bringen ihre Lesern weiter, nur eben etwas weniger offensichtlich.


  • Funfact: Harry Potter, Dragon Ball Z und Naruto hatten einen enormen Einfluss auf mein Wertesystem und somit auf meine persönliche Entwicklung. Da sind Charakterzüge entstanden, die ich heutzutage sehr an mir schätze und ich bin froh, dass ich mir auch im “Erwachsenenalter” die Zeit für solche “Literatur” genommen habe.